Die Schreibmaschine in der Türkei

„Die Schreibmaschine erfreut sich erst in Konstantinopel und den anderen grösseren Hafen- und Handelsstädten der Türkei weiterer Verbreitung. In der Provinz ist sie höchstens in den Bankfilialen anzutreffen. Vor Jahren war ihre Einfuhr in das Reich sogar verboten. Nach Bagdad beispielsweise ist die erste Schreibmaschine als landwirtschaftliche Maschine eingeschmuggelt worden. Die ersten in der Türkei gebrauchten Schreibmaschinen waren Remington-Schreibmaschinen und wurden vor ungefähr 20 Jahren von der Kaiserlichen Ottomanbank eingeführt.

Nach den Ausweisen der Zollverwaltung sind vom 14. März 1907 bis 13. März 1908 – neue Angaben liegen nicht vor – nach Konstantinopel Schreibmaschinen eingeführt worden aus:

  kg Frcs.
England…… 1440 107 693
Frankreich… 1025 11 842
Deutschland.. 928 48 008
Holland…… 663 1 732
Rumänien…. 282 6 704
Belgien…… 100 8 600
Oesterreich… 18 2 600
  zus. 4456 kg zus. 187 179 Frcs.

Diese Aufstellung will nicht viel besagen. Der hauptsächlichste Schreibmaschinen-Lieferant, die Vereinigten Staaten von Amerika, fehlt ganz, die Sendungen von dort sind unter Deutschland, Frankreich, Holland und Belgien enthalten. Rumänien erzeugt gar keine Schreibmaschinen und die aus Holland sind alte Maschinen.

Die hiesige französische Handelskammer schätzt den Verkauf von Schreibmaschinen auf dem Konstantinopler Platze auf 350–400 Stück jährlich. Einige davon gehen in die Provinz weiter. Saloniki und Smyrna versorgen sich unmittelbar von den Fabriken. Bei der langen Haltbarkeit der Maschinen ist an eine Zunahme der Einfuhr nicht zu denken, wenn sich auf dem Platze nicht ein grosser Vorrat anhäufen soll. Diejenigen Aemter und Kaufleute, die u. a. als Abnehmer von Schreibmaschinen in Betracht kommen, sind zum grössten Teil schon versorgt, und für die türkischen Aemter gibts keine Schreibmaschine. Die türkische Schrift mit ihren drei verschiedenen Buchstabenformen – für den Anfang, die Mitte und das Ende des Wortes – eignet sich nicht (oder doch nur sehr schwer) für die Wiedergabe mit der Schreibmaschine. Dagegen gibt es Maschinen für die griechische, armenische und bulgarische Schrift. Der Absatz von Schreibmaschinen kann höchstens noch unter den Privatleuten und an den Schulen vergrössert werden.

Die meisten Maschinen kommen aus Amerika, und zwar: Remington, Hammond, Underwood, Oliver, Smith Premier, Monarch, Royal, Fay-Shole (sic!) usw. Englische Maschinen sind Yost, Empire, deutsche Adler, Continental, Blickensderfer, französische Dactyle.

Die Remington-Maschine beherrschte früher den Platz, hat aber durch das Aufkommen neuer Marken viel verloren, steht aber trotzdem noch immer an der Spitze. Man kauft nur Maschinen mit sichtbarer Schrift. Die deutschen Maschinen sind sehr beliebt, es wird aber verlangt, dass sie auch die französischen Schriftzeichen, die den deutschen fehlen, wie ç, â usw., enthalten, weil französisch die allgemeine Verkehrssprache ist.

Die Preise schwanken zwischen 24–28 Pfund (zu 18,65 Mark) für die grossen und 12–20 Pfund für die kleineren Maschinen. Hammond liefert Schriftzeichen für drei Sprachen, jede Sprache mehr erhöht den Preis um 3/4 Pfund, jede weniger vermindert ihn um ein Pfund. Auf den Schreibmaschinen ruhen grosse Spesen; nämlich 11 v. H. Einfuhrzoll, die beträchtlichen Kosten der Auswertung, die Transportspesen in der Stadt, um die Maschinen Kauflustigen zum Probieren ins Haus zu schicken, Unterhaltungsspesen, Reklamen usw. Der Verdienst der Händler ist nicht gross und überschreitet im Durchschnitt kaum 10–12 v. H.

Die wundeste Stelle des Schreibmaschinenhandels sind die Reparaturen. Es gibt nur sehr wenige Agenten, die selbst Mechaniker sind oder einen solchen in ihren Diensten haben  und die alle Reparaturen schnell und sorgfältig ausführen können. Die anderen Agenten müssen sich an Uhrmacher, Klempner usw. wenden, die eine Schreibmaschine so reparieren, dass eine neuerliche Reparatur sofort wieder vorgenommen werden muss. Solche Maschinen sind natürlich bald gebrauchsunfähig.

Das Schreibmaschinenzubehör kommt zumeist aus Oesterreich, dann aus Deutschland, Amerika und England. Von den Farbbändern werden aus Ersparungsrücksichten mit Vorliebe die billigen gekauft, dass durch sie die Maschine leidet, beachtet der Käufer nicht. Um eine halbe Mark an einem Band zu sparen, opfert er eine Maschine, die 400 Mark kostet. Das erste Maschinenschreibpapier kam mit der Remington-Maschine hierher, es war sehr teuer. Später lieferten die Franzosen billigeres, dabei ebenfalls gutes. Jetzt gibt es eine grosse Auswahl von Maschinenschreibpapier.

Das Maschinenschreiben wird auch schon in den hiesigen fremden Schulen gelehrt; auch die deutsche Realschule hat es, als eine der letzten, in ihren Lehrplan aufgenommen. Die Ergänzung des Maschinenschreibens bildet die Stenographie, die jetzt gleichfalls fleissig geübt wird. Von einem jungen Kaufmann verlangt man beide Fertigkeiten, ausserdem genügende Kenntnisse in der französischen Sprache, um auch französische Briefe auf der Maschine schreiben zu können. Die hiesigen fremden Kaufleute wünschen sich sehnlich eine Schreibmaschine mit türkischen Schriftzeichen, um Eingaben an die Regierung nett und deutlich schreiben zu können. Heute müssen sie sich einen eigenen türkischen Schreiber halten.

Gustav Herlt

Quelle: Schreibmaschinen-Zeitung Hamburg, Nr. 148, 15. Oktober 1910, S. 302

Wiener Brief [1909]

Vom Sommer in Wien, dem griechischen Geschäftsmann, dem Problem der Vielsprachigkeit, dem Urtschechen, fanatischen Ehefrauen und tschechisierten Schreibmaschinen … die Schreibmaschinen-Zeitung Jg. 1909 hat uns auch heute noch viel zu sagen:

„Wiener Brief

Die Abwesenheit der Wiener Geschäftsinhaber ist in keinem Monate eine so allgemeine wie im August, und zu Anschaffungen von Bureaumaschinen und Bureaumöbeln besteht in diesem Monate recht wenig Neigung. Besonders ist dies dann der Fall, wenn die liebe Sonne durch ihr fast südliches Temperament das Wiener Asphaltpflaster zum „Erweichen“ bringt und die Fiakerstände einen Duft ausströmen, der keineswegs an die prächtige Blumenflora der Wiener Vorstadtbesitzungen gemahnt. In diesem Sommer kann man zwar nicht vom südlichen Klima sprechen, im Gegenteil, es war zu oft recht kühl und stürmisch. Trotzdem war auch diesmal der August eine saison morte für Wien wie sonst. Es kamen ja wohl eine Anzahl, zum Teil lange vorher eingeleitete Geschäfte zustande, aber es wurde wenig „gefragt“ und die „fetten“ Anfragen, mit deren einer wenigstens in der Tasche der Reisende so gern morgens seine Tour antritt, blieben aus. Selbst die  grossen Preisnachlässe, die nun einmal im Wiener Geschäft Brauch sind, konnten keine Aenderung dieser Geschäftslage herbeiführen. Die politische Krise mit ihren zahlreichen Verzweigungen, wie der türkische Boykott und das Verhalten anderer Staaten gelegentlich der Annexion von Bosnien haben dem Geschäftsleben im allgemeinen genügend geschadet, um die österreichischen Firmeninhaber von jeder geschäftlichen „Luxus“ Anschaffung, als die man irrtümlicherweisen den Erwerb von Bureaumaschinen immer noch vielfach ansieht, abzuhalten. Es gab aber auch eine Anzahl Geschäftsleute, die durch den allgemeinen Druck zur Erkenntis gelangten, dass gerade jetzt der richtige Moment für die Anschaffung praktischer, zeitsparender Bureaumaschinen, in erster Linie der Schreibmaschine, gekommen ist und dass, wenn es „halt bisher auch so gange is“, nun eben „mit a biss’l mehr a Schneid'“ gearbeitet werden muss, um das Verlorene wiederzugewinnen.

Auch der bisher noch vertragslose Zustand mit Serbien, dessen Geschäftslage übrigens zurzeit keine allzu günstige ist, ebenso das Ausbleiben der Inkraftsetzung des rumänisch-österreichischen Handels-Uebereinkommens, das der Reichsrat unerledigt liess und das dem österreichischen Export mancherlei Erleichterungen verschafft hatte, sind von erheblichem Nachteil für den Export nach diesen geographisch für Oesterreich so güngstig gelegenen Ländern. Ebenso entbehren die Handelsbeziehungen zu Bulgarien noch der notwendigen vertragsmässigen Regelung, während alle anderen wichtigen Industriestaaten mit diesem Lande ihre Handelsverträge bereits abgeschlossen haben. Wie sich der Handel nach der Türkei gestalten wird, muss abgewartet werden. Unter dem alten Regime war es verboten, Schreibmaschinen einzuführen. Nach Einführung der Verfassung und Platzgreifen moderner Anschauungen wird sich jedoch wohl auch bald die türkische „Pforte“ dem Schreib- und Rechenmaschinen Handel öffnen. In diesem Falle wäre dann allerdings eine grosse Nachfrage darin zu erwarten.

Die Ansichten über den griechischen Kaufmann sind in Oesterreich, wo man doch über längere praktische Handels-Erfahrungen verfügt, keineswegs optimistische, wie sie vor kurzem von anderer Seite von Frau A. Adelt-Duc in der Schreibmaschinen-Zeitung geäussert wurden. Man erinnert sich vielmehr stets vor dem Begin eines geschäftlichen Verkehrs mit den modernen griechischen Kaufleuten, dass schon bei den alten Griechen der Gott des Handels und der Kaufleute auch jener der Spitzbuben war. Es gibt ein böses Sprichwort, das die Solidität des griechischen Geschäftsmannes in einer nicht besonders günstigen Weise charakterisiert. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, dass, besonders in den grossen Städten Griechenlands, nicht durchaus zahlungsfähige hochachtbare Firmen zu finden sind.

Im allgemeinen legt man sich in Oesterreich im Handelsverkehr mit den Balkanländern eine ziemliche Reserve auf, zumal solide und branchekundige Vertreter dort schwer zu finden sind. Andererseits ist im Falle von Differenzen deren gerichtliche Austragung mit ungeheuren Kosten und Umständlichkeiten verknüpft, wobei der Erfolg noch recht zweifelhaft bleibt. Meistens wird nach dem Orient nur gegen vorherige Kasse geliefert, andernfalls häufig lieber auf das Geschäft verzichtet, selbst wenn es noch so aussichtsreich erscheint.

Mit Bureaueinrichtungen, besonders modernen Möbeln, wäre angesichts der oft recht „vorsintflutlichen“ jetzigen Verfassung der österreichischen Kontore noch ein gutes Geschäft zu machen. Für das Ausland allerdings kaum, weil die Einfuhrzölle so hoch sind, dass bei dem sowieso relativ nicht grossen Verdienst im Handel mit Bureaumöbeln der Gewinn kaum die Spesen decken dürfte. Rechenmaschinen sind hier bei bedeutenderen behördlichen Kanzleien und grösseren industriellen Unternehmungen bereits recht gut eingeführt, doch haben sie noch ein grosses Feld, wo anderswo auch. Für Kopiermaschinen scheint das Geschäft ziemlich schwierig zu liegen. Man sieht sie verhältnismässig wenig. Vor kurzem erfuhr ich von einer Firma, dass sie ihre gute deutsche Kopiermaschine wieder abgeschafft haben, jetzt nach dem Frane-Verfahren, d. h. unter Verwendung der Frane-Kopierseidenpapiere, also ohne Wasser, mit der Handpresse eine grosse Anzahl Kopien gleichzeitig herstellt und sehr zufrieden damit sei. 

Besonders grosse Spesen und viele Umständlichkeiten entstehen dem hiesigen Schreibmaschinen-Handel durch die in Oesterreich herrschende Vielsprachigkeit. Auch die unerquicklichen politischen Verhältnisse spiele da hinein. So ist die direkte Lieferung nach Böhmen, d. h. dem tschechischen Teile Böhmens, von Wien aus, als dem Sitz fast aller österreichischen General-Vetretungen, so gut wie unmöglich. Der „Urtscheche“ kauft, wenn es irgend angeht, nicht von Wien, er will in Böhmen vom Landsmann beziehen und zwar „tschechische“ Maschinen. Schon an der Sprachgrenze, wie z. B. in Brünn, findet der deutschsprechende Reisende bei den tschechischen Firmeninhabern und Privaten (die Ehefrauen sind da die schlimmsten Fanatiker) kein Gehör und wird unter irgendeinem Vorwande abgewiesen. Jeder Dienstmann dort kennt übrigens diese „Urböhmischen“ und rät von ihrem Besuche ab. Auch die „von selbst gehende“ Schreibmaschine würde keinen Einlass bei ihnen finden, sobald sie irgendeine deutsche Bezeichnung, wie z. B. das Wort „Umschaltung“ auf der entsprechenden Taste, trägt. Allenfalls dürfen die Bezeichnungen englisch sein. Das gleiche gilt von den Drucksachen, auch von der Gebrauchsanweisung. Eher lässt man sich die ganze Anweisung ins Englische übersetzen, als dass man sie deutsch in Gebrauch nimmt. Selbstverständlich müssen die böhmischen Maschinen mit den tschechischen Akzenten ˇ und ‚ , wenigstens auf einer toten Taste, versehen sein. Mitten in Böhmen, z. B. in Prag, begnügt man sich damit jedoch nicht, sondern will die Buchstaben ž, š, č, ř, ě und é, ausserdem das ú (dieses ist lediglich orthographisches Zeichen und ohne Einfluss auf die Aussprache ) als fertige Schriftzeichen vorfinden, wodurch das vorherige Anschlagen des Akzents, also zweimaliges Tastenanschlagen, überflüssig gemacht wird. Die in der obersten Tastenreihe befindlichen Zeichen müssen dann bei den deutschen Maschinen meist fortfallen. Diese Ansprüche der Herren Pospischil, Nawratil, Drvořak, Wlk, Plch usw. zwingen also die General-Vertretungen, wenn sie nicht auf das Geschäft im tschechischen Teil Böhmens verzichten wollen, dort, und zwar möglichst in Prag, Untervertretungen zu installieren und die dort zu liefernden Typewriters zu „tschechisieren“.

Es liegt auf der Hand, dass die Vielsprachigkeit Oesterreichs (deutsch, böhmisch, polnisch, ungarisch, slovenisch [sic] usw.) und besonders die verschiedenen mehrsprachigen Verbindungen (deutsch-polnisch, deutsch-ungarisch, deutsch-böhmisch usw.) dieser Idiome gemischtsprachiger Gegenden dem Handel mit Schreibmaschinen kostspielige und oftmals recht schwierige Aufgaben stellen und ihn sehr belasten. Ausserordentlich umständlich und zeitraubend gestaltet sich aber die Befriedigung derartiger Käufer bei dem Handel mit gebrauchten Schreibmaschinen verschiedensten Systems, wie ihn einige Firmen hier betreiben, weil zu den Typen verschiedener Sprachen auch noch die Verschiedenheit der Fabrikate hinzutritt.

Victor

in: Schreibmaschinen-Zeitung Hamburg, Nr. 135, 15. September 1909, S. 264f.