Hermes Baby Schriften

Welche Schriftart und Schriftgrösse ist auf meiner Hermes Baby Schreibmaschine montiert? Mit dem folgenden Beitrag versuche ich, einen Überblick über die auf Hermes Baby Schreibmaschinen montierten Schriftsätze zu geben. Die Darstellung ist noch lückenhaft. Weiterführendes Material und Quellen werden gerne entgegengenommen (e-mail).

Von „Pica“ und „Elite“

Wenn die Sprache auf Schreibmaschinenschriften kommt, ist oft die Rede von „Pica“ und „Elite„. Pica sei die normale, etwas grössere Schrift, und Elite die etwas kleinere Schrift.  Tatsächlich ist der Grossteil der Schreibmaschinen  entweder mit der einen, oder der anderen ausgerüstet, wobei nach Gefühl des Schreibmaschinensammlers Pica klar überwiegt. Was bedeutet das nun aber?

„Pica“ und „Elite“ bezeichnen einerseits die Schriften selbst, sind also Schriftnamen. Andererseits hatte es sich eingebürgert, mit „Pica“ und „Elite“ Kategorien von Schriftgrössen zu bezeichnen. Man kann auch Schriftdichte dazu sagen. Es geht darum, wie „dicht“ die getippten Buchstaben beieinander stehen.

Aus der englischsprachigen Tradition wurde die Schriftdichte in „characters per inch“, oder Zeichen pro Zoll, abgekürzt CPI, ausgedrückt. Pica ist hier eine Schrift, bei der 10 Zeichen auf ein Zoll, also 2.54 Zentimeter, kommen. Pica somit 10 CPI. Elite ist mit 12 CPI etwas kleiner – zwei Zeichen mehr passen auf einen Zoll.

In der deutschsprachigen oder kontinentalen Tradition werden zwar die Ausdrücke „Pica“ und „Elite“ verwendet, zusätzlich wird aber in den Werksangaben und Werbeunterlagen der sogenannte „Wagenschritt“ angegeben, also die Distanz, die der Wagen bei jedem Anschlag weiterrückt. Je grösser der Wagenschritt, desto weniger Zeichen passen auf ein Zoll, desto grösser ist also die Schrift. Eine Pica-Schrift hat traditionell einen Wagenschritt um 2.5 mm, eine Elite-Schrift um 2 mm.

Wie gross die auf Ihrer Hermes Baby Schreibmaschine montierte Schrift ist, ob sie also in die Kategorie „Pica“ oder „Elite“ fällt, können Sie übrigens zu Hause leicht feststellen, indem Sie auf Millimeterpapier tippen und dann zählen, wie viele Zeichen auf ein Zoll = 2.54 cm passen.

Hermes Baby no. 5717552, © S. Wendt 2017

Das „d“ von „guten Zustand“ im Beispielsbild überschreitet die 2.5 cm. Das wären fast 13 Zeichen pro Zoll. Wenn man es auf eine „saubere“ Einheit herunterbrechen will, sind rein rechnerisch mit einem Wagenschritt von 2mm die 2.54 Zentimeter des Zolls nach 12.7 Zeichen voll (2.54 / 0.2 = 12.7).  

Wir sind nicht genau bei 12 CPI, aber im Nahbereich. Somit liegt der Schluss nahe, dass „Elite“ und „Pica“  Richtgrössen sind, die aber kleine Abweichungen je nach Schrift zulassen.

Schriftarten der Hermes Baby

Nun aber zur Hermes Baby. Im Lauf der fast 50jährigen Produktionszeit erweiterten sich die Optionen für Hermes Baby Schriften.

1935 wurde die Hermes Baby, soweit mir bekannt, nur mit einer einzigen Schriftart ausgeliefert. Es war eine Pica-Schrift (10 CPI).

In einem deutschen Werbeflyer aus den 1950er Jahren 1 wird die Hermes Baby mit Pica- sowie mit Perl-Schrift angeboten. Perl-Schrift war ein im deutschen Sprachraum gebräuchliches Wort für Elite-Schrift, also 12 CPI. Auf dem Bild (Massstab nicht original) sehen Sie sehr gut den Unterschied zwischen Pica- und „Perl“-Schrift.

Hermes Baby, Flyer (Ausschnitt)

Ein undatiertes Informationsblatt 2 gibt drei verfügbare Schriften für die Hermes Baby an: Script (Wagenschritt 2mm), Elite (2mm), und Pica (2.5mm). Es muss aus der Zeit nach 1968 stammen, denn seit diesem Jahr war die Schrift „Script“ für die Hermes Baby erhältlich. 3

Auf einem undatierten, aber schon mit dem „HPI“, also Hermes Precisa International Logo versehenen Blatt, somit aus der Zeit nach 1974 stammend, sind vier Schriftarten für die Hermes Baby ausgewiesen. Neben den erwähnten drei kommt hier noch die „Techno-Pica“ hinzu:

Hermes Baby Elite Schrift
Hermes Baby Pica Schrift
Hermes Baby Script Schrift
Hermes Baby Techno-Pica Schrift

Auch in den 1970er Jahren ist somit die Auswahl an Hermes Baby Schriften sehr überschaubar – es dürfte Ihnen also kein Problem machen, Ihre Schrift zu identifizieren.

Abgesehen von diesen vom Hersteller der Schreibmaschine, also Paillard respektive HPI (Hermes Precisa International), eingeführten Namen der Schriften gibt es jedoch die Möglichkeit, sich am Typenhersteller zu orientieren. Dazu kann man sich mit der Lupe ansehen, was genau denn auf den Typen der Hermes Baby geschrieben steht.

Zeichen der Typenfabriken

Die Typen (also Buchstaben) der Hermes Baby Schreibmaschinen wurden fast ausnahmslos nicht von der Herstellerfirma der Schreibmaschine produziert, sondern von auf Typenherstellung spezialisierten Firmen, die dann von Paillard / HPI (oder den Firmen, welche die „Baby“ in Lizenz in anderen Ländern herstellten) für die Montage auf die Maschinen zugekauft wurden.

Die Typenhersteller markierten Ihre Produkte im Regelfall mit einem Logo oder Buchstaben, der für die Firma stand, und meistens mit einer Nummer, anhand derer sich die genaue Schriftart herausfinden lässt (so denn eine Vergleichsliste zum Entschlüsseln vorhanden ist – wieder einmal erweist sich ein gutes Archiv als unabdingbar).

Die Hermes Baby kam 1935 auf den Markt. In der Frühphase wurden die „Babys“ jeweils mit Typen der Iris Type G.m.b.H., Berlin, ausgestattet. Die 1942 gegründete Schweizerische Setag S.A. löste die Iris Type später ab. Die Ablöse fand nicht schon 1942 statt, den genauen Zeitpunkt gilt es noch zu finden -> dazu sind wir auf Befunde von existierenden Schreibmaschinen angewiesen, oder einen Glücksfund aus der Literatur. 

Als Arbeitshypothese bietet sich an, dass infolge des Kriegs die Iris Type ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr liefern konnte, und sich Paillard um eine Alternative umsah – und diese im eigenen Land vorfand. Der Bruch könnte also gegen Kriegsende geschehen sein.

In der Nachkriegszeit finden wir eine grössere Vielfalt von Typen auf in der Schweiz oder in Lizenz in England und Italien (unter anderem Namen) hergestellten Hermes Babys.

Iris Type GmbH: I 207 Typen

Hermes Baby #260855 (1942)

Bei der I 207 handelt es sich um eine Pica Schrift (10 CPI), wie die aufmerksame Zählerin auf der oberen Abbildung am Millimeterpapier feststellen kann.

Die I 207 findet sich natürlich auf in der Schweiz hergestellten Hermes Babys, aber auch auf frühen Exemplaren der englischen The Baby Empire, dem Empire Service Model, und auf den polnischen F.K. Małas.

Setag S.A.: S“6 Typen

Die S“6 heisst im Firmenkatalog „Pica“. 4 Als Wagenschritt wird für die  S“6 2.5 bis 2.6 mm angegeben. 5

Der Wechsel des Zulieferers für die Schreibmaschinencharaktere (Typen) von Iris auf Setag blieb für die Kunden kaum sichtbar  – ausser sie nahmen sich die Mühe, mit der Lupe einmal näher nachzusehen. Nachstehende Schriftproben, eine noch mit Iris Typen, die zweite schon mit Setag bestückt, scheinen scheinen auf den ersten Blick dasselbe Schriftbild zu haben.

Auf den zweiten Blick erschliessen sich aber doch einige Unterschiede, sodass die S“6 keine exakte Kopie der I 207 ist. Der Vergleich macht Sie sicher:

Klicken Sie auf die Vollversion des Bilds, und finden Sie die – doch zahlreichen – Unterschiede.

S“6 Typen finden sich auf Hermes Baby und Empire Aristocrat.

Empire Aristocrat # S2/250619 (1955), G. Sommeregger collection

Setag S.A.: S=6 Typen

Die S=6 Schrift findet sich auf einer italienischen Montana. Es sind Typen der Setag S.A. Die zwei Striche, die dem S folgen, sind allerdings waagrecht und nicht senkrecht gleich Anführungszeichen, also S=6 statt wie schon bekannt S“6. Ob es dieselbe Schrift ist, muss noch in einem genauen Schriftvergleich festgestellt werden.

Setag S.A.: S“7 Typen

Zusätzlich lieferte die Setag die S“7, „Elite“ 6. Sie ist für Wagenschritte 2 bis 2.3 mm konzipiert. 7

Hermes Baby no. 5717552, © S. Wendt 2017

Setag S.A.: S“s Typen

Die S“s Typen sind die Schriftart „Script“. 8 Sie ist für Wagenschritte 2 bis 2.3 mm konzipiert. 9

Die „Script“ war ab 1968 für die Hermes Baby erhältlich. 10

Gordon Webb & Co. Ltd.: No. 380

Empire portable #P3 07 04 (1946)

Gordon Webb & Co. war laut Information der National Archives eine Tochterfirma der Imperial Typewriter Co. Ltd. 11

In einer Zeitungsannonce sehen wir das Logo der Gordon Webb & Co. genauer. Es ist eine Hand, die einen Dreizack führt. Da dieser das Erkennungsmal des Poseidon oder auch des Triton ist, kann man eine Anspielung auf die Seemacht Grossbritannien annehmen.

in: Typewriter Topics, February 1920 (Detail)
in: Typewriter Topics, February 1920

Nachgewiesen sind Gordon Webb Typen Nr. 380 für die Empire Portable, das erste Nachkriegsmodell der englischen Hermes Baby.

Typen mit Löwenlogo und den Buchstaben FP

Empire # S2/397068 (1959). G. Sommeregger collection

Die gezeigte Empire Maschine wurde 1959 hergestellt und fällt schon in die Zeit nach dem Besitzerwechsel auf Smith-Corona-Marchand.  Auf der Type ist das Löwenlogo, sowie die Buchstaben „FP“. Wer war der Hersteller? British Typewriters Ltd. selbst (das Löwenlogo spricht dafür)? Wer Bescheid weiss, bitte melden!

Hermes Babys Made in Brazil: Olivetti Typen

Typen der in Lizenz produzierten Hermes Babys

England

The Baby Empire

Ein frühes Exemplar der „The Baby Empire“ mit der Seriennummer 2574, Baujahr ca. 1936,  ist mit Iris Typen No. 207 ausgestattet. In dieser frühen Produktionsphase wurde die Maschinenteile noch aus der Schweiz importiert, und in England nur zusammengesetzt.

Baby Empire

Empire Service Model

Das Empire Service model is mit Iris No. 107 Typen ausgestattet – dies scheint rätselhaft und könnte noch brisant werden… 

Empire

Das erste Nachkriegsmodell der englischen Baby hat Typen von Gordon Webb & Co. Ltd., und zwar die Nr. 380 (s. oben unter Gordon Webb).

Empire Aristocrat

Ein 1955 gebautes Exemplar der Empire Aristocrat hat Typen von Setag, Nr. S“6, also die Pica-Version (s. oben).

Empire (Smith-Corona)

Eine schon nach dem Besitzerwechsel auf Smith-Corona-Marchand gebautes Exemplar aus dem Jahr 1959 trägt Typen mit einem Löwenlogo, sowie den Buchstaben „FP“. Wer den Hersteller positiv identifizieren kann, bitte melden!

Die Empire als Hermes Baby Konstruktion wurde sehr bald von den neuen Besitzern Smith-Corona durch das hauseigene Modell „Skyriter“ ersetzt. Jedoch ist ein 1962 gefertigtes Exemplar ebenfalls mit Typen mit dem Löwenlogo, und diesmal der Zahl „YP“ ausgestattet. Wer weiss Näheres über diese Typen?

Empire #4Y-616625W (1962), © U. Wachtendorf 2014

Polen

F.K. Mała

Die F.K. Mała mit der Seriennummer 3011 ist mit Iris No. 107 Typen ausgestattet (eigene Sammlung).

Italien

Die italienischen Hermes Baby Varianten wurden unter den Namen Ala, Simtype Baby und Montana vertrieben. Jeweils gab es verschiedene Modelle dieser Marken.

Ala

SIMTYPE Baby

Montana

Auf einer Montana Modell 68, Seriennummer A975, finden sich S=6 Typen der Setag (s. oben).

Erstellt am 19. März 2017 – letzter Update 27. März 2017

© typewriters.ch 2017

Notes:

  1. Der Flyer selbst ist undatiert, abgebildet ist jedoch ein ab 1956 verkauftes Modell.
  2. Spécimens d’écritures HERMES, s.d.
  3. Der Büromaschinen Mechaniker, Heft 116, 10. Juni 1968.
  4. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  5. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  6. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  7. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  8. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  9. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  10. Der Büromaschinen Mechaniker, Heft 116, 10. Juni 1968.
  11. The National Archives, Gordon Webb & Co. (Imperial subsidiary), URL: http://discovery.nationalarchives.gov.uk/details/rd/9bdfe72f-eac3-4a81-b4af-188725e3d827 (abgerufen am 27. März 2017).

Butec 8000 Schreibmaschine

Die Butec 8000 ist eine mechanische, in Japan erzeugte Schreibmaschine. Verkauft wurde sie allerdings in der Schweiz.

Das Exemplar in meiner Sammlung hat die Seriennummer 66104274. Ich fand es über einen sehr freundlichen Kontakt in Aesch bei Basel. Ursprünglich verkauft wurde die Maschine, wie aus einem Aufkleber auf dem Deckel ersichtlich, von der Otto Mathys AG in 5035 Unterentfelden im Kanton Aargau. 

Eine Schweizer Maschine aus Japan

Der japanische Hersteller Nakajima verkaufte oder vertrieb dieses Modell auch unter seinem eigenen Namen als „Nakajima 8000„. 1 Nakajima belieferte jedoch noch andere Firmen ausser Butec mit diesem Modell. Bekannt ist der Name Swintec 1200. 2

Butec AG

Generalimporteur für die Schweiz der von Nakajima erzeugten Schreibmaschinen war die 1981 gegründete Butec-Organisation für Bürotechnik AG (ab 1989: Butec Handels AG), kurz Butec AG. 3 Dies ist auch der Grund, warum Butec Maschinen auch heute noch fast ausschliesslich in der Schweiz im Einsatz sind oder gefunden werden.

Die Butec AG war ein Zusammenschluss von Schweizer Büromaschinenhändlern, die sich aus dem Kreis der bisherigen Hermes-Schreibmaschinen Vertretungen entwickelt hatte. 4 Die butec 8000 ist eine rein mechanische Schreibmaschine, Hauptaugenmerk der Butec AG war jedoch der Vertrieb von elektronischen Schreibmaschinenmodellen, ebenfalls hergestellt von der Firma Nakajima in Japan. 5

Nach wie vor werden Butec Schreibmaschinen in der Schweiz vertrieben. Besuchen Sie diesbezüglich die Webseite der Schreibmaschinen-Butec. 6

Die butec 8000 im Praxistest

Mein Eindruck, der sich natürlich nicht verallgemeinern lässt, da jedes Exemplar wohl so seine Eigenheiten hat: eine grundsolide Maschine, die trotz „Generation Plastic“ leicht und sauber schreibt.

Notes:

  1. Typewriter Database, Nakajima 8000, Seriennummer 23102357, Sammlung J. Vazquez del Olmo,  http://typewriterdatabase.com/1994-nakajima-all-8000.4946.typewriter (abgerufen am 5. März 2017)
  2. Typewriter Database, Swintec (Nakajima) 1200, Seriennummer 47106716, Sammlung W. Davis,  http://typewriterdatabase.com/198x-swintec-nakajima-1200.1399.typewriter (abgerufen am 5. März 2017)
  3. Vgl. den bald erscheinenden Artikel Die BUTEC AG, oder: wie japanische Schreibmaschinen in die Schweiz kamen, von R. Rinderknecht und G. Sommeregger.
  4. Vgl. den bald erscheinenden Artikel Die BUTEC AG, oder: wie japanische Schreibmaschinen in die Schweiz kamen, von R. Rinderknecht und G. Sommeregger.
  5. Vgl. den bald erscheinenden Artikel Die BUTEC AG, oder: wie japanische Schreibmaschinen in die Schweiz kamen, von R. Rinderknecht und G. Sommeregger.
  6. Schreibmaschinen-Butec, URL: http://www.schreibmaschinen-butec.ch (besucht am 5. März 2017).

Empire Junior typewriter

Empire Junior # 44344, Sammlung G. Sommeregger 2016
Empire Junior # 44344, Sammlung G. Sommeregger 2016

Die Empire Junior ist eine Exportvariante der Schweizerischen Hermes 2000 Schreibmaschine. Sie wurde über die Empire Typewriters Ltd. (den Lizenzhalter für die Produktion von Hermes Baby Schreibmaschinen) in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre in Grossbritannien verkauft. 

Empire Junior # 44344 

Im Juni 2016 konnte ich mit Hilfe eines Freundes aus England eine Empire Junior Schreibmaschine, Seriennummer 44344, erwerben. Vom Aussehen her tippt man als in der Schweiz beheimateter Sammler intuitiv auf eine Hermes 2000. Am Frontblech prangt jedoch das Logo eines Löwen, sowie die Aufschrift „EMPIRE“ (quer über den Löwen gedruckt) und „Junior“.

Empire Junior # 44344, Sammlung G. Sommeregger 2016
Empire Junior # 44344, Sammlung G. Sommeregger 2016

Eine kleine Klammer an dieser Stelle: heisst es nun Empire Junior, oder liest man nicht Junior Empire? Mit der Auswertung der vorhandenen Original und Sekundärquellen komme ich zum Schluss, dass „Empire Junior“ die richtige Reihenfolge ist. 1 Klammer zu.

Was hat es also mit dieser Maschine auf sich? Aufschluss gibt zunächst, und naheliegend, die Rückseite der Maschine selbst. Hier finden wir einerseits die Aufschrift „MADE IN SWITZERLAND“, andererseits einen Aufkleber „OFFICE EQUIPMENT DISTRIBUTORS / PROPRIETORS – BRITISH TYPEWRITERS LTD. / WEST BROMWICH“. „Made in Switzerland“ ist auch verblasst im Gegenlicht auf dem Rahmen vor der Tastatur lesbar.

Empire Junior # 44344, Sammlung G. Sommeregger 2016
Empire Junior # 44344, Sammlung G. Sommeregger 2016

Allein mit den Angaben auf der Maschine kann man also ablesen, dass diese Schreibmaschine in der Schweiz hergestellt und von der zur British Typewriters Ltd. gehörigen Office Equipment Distributors als „Empire Junior“ verkauft wurde.

Sehen wir nun, ob der Befund an der Maschine im Vergleich mit Maschinen gleicher Bauart (das ist die Hermes 2000 bzw. Hermes Media) und durch vorhandene Literatur zur Empire Junior gestützt wird.

Ursprung in der Hermes 2000 Schreibmaschine

Beeching 1974 erwähnt in seinem Kapitel zu den Hermes Schreibmaschinen, dass die Modelle Hermes Media und Hermes 2000 in Grossbritannien als Empire Junior verkauft wurden. 2

Hermes Media und Hermes 2000 basieren auf dem selben Grundmodell, der Hermes 2000, die ab 1932/33 von der Paillard S.A. in Yverdon, Schweiz, gefertigt wurde. Zunächst existierte nur das Modell Hermes 2000, 1936/37 wurde die Palette durch die Hermes Media erweitert. Während die Hermes 2000 ab 1937 mit einem automatischen Setz- und Löschtabulator, sowie einem Anschlagregulierer ausgestattet war, fehlte diese Ausstattung bei der Hermes Media, die nach E. Martin zunächst als vereinfachtes Modell nur für den Schweizer Markt gedacht war, ab 1938 aber auch exportiert wurde. 3 Die beiden Modelle sehen wir in folgender zeitgenössischer Werbung.

in : Neue Zürcher Zeitung, 4. Mai 1937.
in : Neue Zürcher Zeitung, 4. Mai 1937.

Die hier vorgestellte Maschine mit der Seriennummer 44344 entspricht von der Bauart her klar dem Hermes 2000 Modell, das 1937 auf den Markt kam. Einfach zu erkennen ist dies eben am vorhandenen automatischen Setz- und Löschtabulator (das ist der kleine silberne Hebel mit Kugelknauf links über der Tastatur) sowie dem Anschlagregulierer (der auf der Rückseite der Maschine angebrachte Drehknopf). Sehen wir zum Vergleich die Hermes 2000 # 37567 aus dem ersten Produktionsjahr 1937:

Hermes 2000 #37567 (1937), G. Sommeregger 2010
Hermes 2000 #37567 (1937), G. Sommeregger 2010

Die mir bisher bekannten Exemplare der Empire Junior entsprechen sämtlich dem Typus Hermes 2000, Modell 1937. Es ist aber nicht auszuschliessen, dass, wie von Beeching 1974 erwähnt, Exemplare existieren, die der vereinfachten Bauart der Hermes Media entsprechen. 

Vertrieb durch die British Typewriters Ltd.

Wie kam nun die British Typewriters Ltd. zum Vertrieb der in der Schweiz hergestellten Hermes 2000/ Hermes Media Schreibmaschine?

Die Firma Paillard hatte 1935 mit der Hermes Baby einen Verkaufs- und Exportschlager auf den Markt gebracht. Der Auslandsverkauf musste sich an den damaligen Gegebenheiten des Markts anpassen. Für gewisse Länder waren aufgrund Konkurrenz und Zollschranken Exporte für die Paillard sehr schwierig. Für diese Länder, zu denen neben Grossbritannien auch Italien zählte, war es rentabler, eine Lizenzproduktion zu vergeben.

Die Lizenz für die Herstellung der Hermes Baby in Grossbritannien wurde sehr früh von N.W.R. Mawle, dem damaligen Manager der Imperial Typewriter Co., erworben. Schon ab 1936 wurde die Hermes Baby in England produziert und als „The Baby Empire“ bzw. „Empire portable“ und „Baby Empire“ verkauft (s. unseren Artikel zur Baby Empire). Im Zug des Erfolgs der Hermes Baby verkauften sich auch die anderen Paillard Modelle besser. 

Für Dezember 1936 liegt nun eine zeitgenössische Quelle vor, nach der N.W.R. Mawle und seine British Typewriters Ltd. neben der Produktion der „Baby Empire“ auch den Vertrieb der Hermes 2000 unter dem Namen „Empire Junior“ aufgenommen hatte. 4

in: Hermes, No. 2, Weihnachten 1936 source: Archives cantonales vaudoises, ACV PP 680 2551
in: Hermes, No. 2, Weihnachten 1936
source: Archives cantonales vaudoises, ACV PP 680 2551

Wir dürfen also annehmen, dass die Empire Junior spätestens seit 1936 in Grossbritannien verkauft wurde. Dies entspricht auch den Angaben in Burghagens Liste der Herstellungsdaten. 5 Dieselbe Liste gibt 1939 als letztes Produktionsjahr an. Durch den 2. Weltkrieg wurden die Geschäftsbeziehungen offensichtlich unterbrochen, womit wir auf einen recht kurzen Verkaufszeitraum von drei Jahren zurückblicken.

Da die Empire Junior als reguläre Hermes 2000 Schreibmaschine in der Schweiz produziert wurde, ist es naheliegend, dass auch die Seriennummern für die Empire Junior denen der regulären Hermes 2000 Produktion entsprechen. Ein Vergleich zu den Einträgen für Empire Junior und Hermes 2000, die in der Burghagen Liste separat geführt sind, zeigt, dass diese nicht ganz übereinstimmen, sich jedoch im Wesentlichen überschneiden (s. Tabelle unten). Als Arbeitshypothese neige ich somit zur Nummerngleichheit von Hermes 2000 und Empire Junior.

Nach 1945 wurde die Produktion der Empire portable = Hermes Baby in England wieder aufgenommen und erfolgreich weitergeführt. Ein weiterer Vertrieb der Empire Junior nach 1945 ist mir aber nicht bekannt. 6

Produktionsdaten und Altersbestimmung

Für die Altersbestimmung einer Schreibmaschine kann die Fabriknummer (auch:  Seriennummer) sehr hilfreich sein. Bedingung dafür ist die Existenz von Alterslisten, die für das jeweilige Produktionsjahr die entsprechenden produzierten Seriennummern aufführen.

Für die Empire Junior findet sich die Seriennummer rechts auf der Wagenschiene und wird sichtbar, wenn man den Wagen ganz nach links schiebt.

Im Fall der Empire Junior gibt es in der sehr zuverlässigen „Burghagen“ Liste von 1962 eine Rubrik für die Empire Junior selbst. Als Vergleich habe ich aus oben genannten Gründen auch die Fabrikationsdaten für die Hermes 2000 / Media aufgeführt, ebenfalls aus der Burghagen Liste.

Jahr Seriennummern Empire Junior (Quelle: Schramm 1962 7) Seriennummern Hermes 2000/Media (Quelle: Schramm 1962 8)
1936–1937 32000–35000

 1936: 30001–33700

1937: 33701–41500

1938 –40000  41501–50000
1939 –55000  50001–60000

 

Dank

Mit vielem Dank an R. Bowker im Schreibmaschinenhimmel.

Erstellt am 27. Juni 2016 – letzter Update 6. Juli 2016

© typewriters.ch 2016

Notes:

  1. „Empire Junior“ wird in folgenden Quellen genannt: Artikel „Hermes Personalities. N.W.R. Mawle“, in: Hermes [Hauszeitschrift von Paillard], No. 2, Dezember 1936. Es ist dies eine Originalquelle, die am höchsten zu werten ist; Wilfred A. Beeching, Century of the Typewriter, London 1974, S. 117; Eintrag „Empire Junior“, in: Leonhard Dingwerth, Lexikon historischer Schreibmaschinen. Für die Zeit von 1940 bis zum Beginn der Elektronik, Delbrück 2007 + 2008, S. 111.
  2. „Media Model which was sold in the U.K. as the Empire Junior“ „Model 2000 was also sold as the Empire Junior.“ Quelle: Wilfred A. Beeching, Century of the Typewriter, London 1974, S. 117.
  3. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 294.
  4. Artikel „Hermes Personalities. N.W.R. Mawle“, in: Hermes [Hauszeitschrift von Paillard], No. 2, Dezember 1936. Leonhard Dingwerth irrt hier, wenn er unter dem Eintrag „Empire Junior“, in: Leonhard Dingwerth, Lexikon historischer Schreibmaschinen. Für die Zeit von 1940 bis zum Beginn der Elektronik, Delbrück 2007 + 2008, S. 111, schreibt, dass es sich bei der Empire Junior um einen Lizenznachbau handelte.
  5. H.F.W. Schramm, Liste der Herstellungsdaten deutscher und ausländischer Schreibmaschinen, Hamburg, Burghagen Verlag, 11. Aufl. 1962.
  6. Aufgrund eines Photos eines Prototyps aus dem Nachlass von N.W.R. Mawle steht die Hypothese im Raum, dass sich die British Typewriters Ltd. in der Nachkriegszeit mit dem Gedanken trug, die Hermes 2000 in Eigenregie zu produzieren. Dies müsste aber noch klarer belegt werden.
  7. H.F.W. Schramm, Liste der Herstellungsdaten deutscher und ausländischer Schreibmaschinen, Hamburg, Burghagen Verlag, 11. Aufl. 1962.
  8. H.F.W. Schramm, Liste der Herstellungsdaten deutscher und ausländischer Schreibmaschinen, Hamburg, Burghagen Verlag, 11. Aufl. 1962.