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Orga Privat Modell 3

Bing Werke

 

1925-27

Orga Privat typewriter 

 

Orga Privat typewriter logo 

Modell Orga Privat 3 model
Typ mittelgrosse Schreibmaschine type
Konstrukteur / Erfinder Ludwig Reischl (1923) (2) inventor
Hersteller Bing Werke manufacturer
Produktionsort   place of production
Seriennummer (Baujahr) 90412 (ca. 1927) (5) serial number (year made)
bekannte Seriennummern

 

known serial numbers
Tastatur Schweizer Deutsch keyboard
gebaut von - bis 1925 (5) - 1927 (5) production years
Anmerkungen

 

remarks
Patente   patents
Nachfolgemodelle

 

followed by
Status eigene Sammlung status
Gesamtstückzahl   numbers made

 Orga Privat typewriter

Orga Privat typewriter 

Orga Privat typewriter

Orga Privat typewriter 

Chronologische Übersicht der produzierten Bing und Orga Modelle (Stand 18.6.2012)

Hersteller: bis 1932: Bing-Werke AG; ab April 1932: Orga AG; später (16): Royal Schreibmaschinen GmbH
Jahre (von - bis) Modell Anmerkung
1922 (2, 5) - 1934 (2, 5) (15) Orga Standard Konstrukteur: Heinrich Grützmann
1923-24 (5) Orga Privat Modell 1 Konstrukteur: Ludwig Reischl
1924-25 (5) Orga Privat Modell 2  
1925-27 (5) Orga Privat Modell 3  
1925 (2) oder 1926 (5) Bing Konstrukteur: Ludwig Reischl; Modell mit Farbröllchen
1927 (2) - ? Bing No. 2 Modell mit Farbband. 2 Varianten: No. 2 "Bing" auf Blechboden; No. 2 "Bing Student Type" auf Holzplatte"
1927-28 (5) Orga Privat Modell 4  
1928-33 (5) Orga Privat Modell 5  
1933-34 (5) Orga Privat Modell 6 Von (5) als von der deutschen Royal produziert aufgeführt (16)
1934-35 (5) Orga Privat Modell 7  
1935-36 (5) Orga Privat Modell 8  
1936 (1) oder 1937 (5) oder 1947 (5) Orga Privat Modell 9  
1947-49 (5) Orga Privat Modell 10  
1949-50 (5) Orga Privat Modell 12 kein Modell 11 ist verzeichnet!
1950-53 (5) (Royal) Superia Nachfolge des Modell 12 (17)

Royal Superia: Die 12. Orga

Da es kein Modell 11 der Orga gibt (zumindestens ist - um Karl Popper zufriedenzustellen - bisher keines gesichtet worden), gäbe es nach Adam Riese nur elf Modelle der Orga Privat. Allerdings kam direkt im Anschluss an die Orga 12 die Royal Superia der Royal Schreibmaschinen GmbH auf den Markt.

orga 12 royal superia

Der Bildbeweis (zum Vergrössern klicken) belegt, dass die die Royal Superia ein nur geringfügig verändertes Modell von der Orga Modell 12 ist. Somit kann man im Endeffekt doch von zwölf Orga Privat Modellen sprechen (die Superia lief 1953 aus und hatte kein Nachfolgemodell).

Der Übergang war wohl fliessend: so wurde die Orga 12 in untenstehenden Inseraten aus dem Jahr 1950 einmal als "ORGA 12" und einmal als "ORGA-SUPERIA" beworben.

orga superia

 

Die Orga Privat war eine "Volksschreibmaschine", die ihren Ursprung in den Bing Werken hatte, dann von der Orga AG produziert wurde und deren 30jährige Erfolgsgeschichte als Produkt der Royal Schreibmaschinen GmbH zu Ende ging.

Ursprünge: Die Gebrüder Bing

Die Brüder Ignaz (1840 - 1918) und Adolf Bing gründeten im Jahr 1863 unter dem Namen "Gebrüder Bing" eine Handelsgesellschaft zum Vertrieb von Haushalts- und Spielwaren. (2, 7) Die Familie Bing war jüdisch und aus Bingen über Frankfurt am Main nach Franken gekommen. (7) Ab 1881 produzierten sie als "Nürnberger Metallwaarenfabrik Gebr. Bing" selbst, und stiegen in der Folge zur - Eigenbeschreibung im Katalog von 1906 - grössten Spielwarenfabrik der Welt mit über 3000 Mitarbeitern auf. (2)

 Bing Ignaz
Ignaz Bing (1840 - 1918). Bildquelle: www.zinnfiguren-bleifiguren.com

Der Erste Weltkrieg und die Folgen

Der Erste Weltkrieg wirkte sich negativ auf das Spielwarengeschäft aus: die Exporte brachen ein, was auch durch die Umstellung auf Kriegsproduktion nicht wettgemacht werden konnte. (2) Nach dem Tod des Firmengründers Ignaz Bing 1918 übernahm sein Sohn Stephan das Geschäft (er leitete es bis 1927) und änderte 1919 den Firmennamen auf "Bing-Werke AG". (2, 8) Im Bestreben, im nunmehr geänderten Geschäftsumfeld - u.a. erstarkte Konkurrenz in der Spielwarenproduktion durch englische und amerikanische Hersteller - zu reüssieren, setzte Bing auf Diversifizierung. Zu Beginn der 20er Jahre war die Nachfrage nach Schreibmaschinen rege, ein Produktionseinstieg bot sich an, und so wurde der Konstrukteur Heinrich Grützmann für den Bau einer Schreibmaschine unter Vertrag genommen. (2) Die daraus resultierende Orga-Standard Schreibmaschine kam 1922 auf den Markt. (2) Im selben Jahr wurde zu deren Vertriebszweck die Orga AG in Berlin gegründet. (2)

Es folgte im Jahr 1923 die kleinere Orga Privat Schreibmaschine (Konstrukteur: Ludwig Reischl (2)), die in der Folge mehrfach verbessert wurde. (2) Bis 1927 erschienen in rascher Abfolge die Orga Privat 2, 3 , 4 und 5. (2) Zu dieser Zeit (1923) waren die Bing-Werke AG schon ein Grosskonzern mit ca. 16.000 Mitarbeitern. (8)

Die Orga Privat wurde als "Volksschreibmaschine" vermarktet. (21) Wie Ernst Martin sehr erhellend anmerkte: "Die Orga-Privat, deren Name schon verrät, dass sie in der Hauptsache dem Privatmann zugedacht ist, war einige Jahre lang d i e Volksschreibmaschine, da es damals bekanntlich die vierreihigen Kleinschreibmaschinen noch nicht gab." (1, @508) Lang-Krüger beschreibt sie wie folgt: "Die Orga-Privat besitzt die wichstigsten Einrichtungen der grossen Standard-Maschine, nämlich: Wagenfreilauf, normalbreite Walze, beiderseitige Randsteller [Anm.: linker Randsteller erst ab Mod. 6], Randlöser, Feststeller für Umschaltung, zweifache Zeilenumschaltung, Rückstaste, Farbbandumspulung, staubdicht geschlossene Farbbandspulen, stahlgehärtete auswechselbare Typenhebel und einfache Umschaltung. Der leicht bewegliche Wagen läuft auf Stahlrollen in dauerhaften Führungen, die aus gezogenem Siemens-Martin-Stahl gefertigt sind. Das Gewicht mit Brett und verschliessbarer Haube beträgt 11,9 Kilogramm [...] Die Abmessungen der Maschine ohne Brett sind: Höhe 25 Zentimeter, Breite 32 Zentimeter, Tiefe 32 Zentimeter." (3, @72)
 orga standard orga 8
Orga Standard und Orga 8. aus: Lang-Krüger 1936 (3)

1925 (2) oder 1926 (5) kam schliesslich das erste Modell der Bing auf den Markt. Ausgezeichnet war sie als "Lehrmittelschreibmaschine". Konstrukteur war wiederum Ludwig Reischl. (14) 1927 erschien die Bing No. 2, die in zwei verschiedenen Versionen angeboten wurde. Hier zeigen wir die seltenere Version "Student Type" mit Ringtasten. Sie ist auf ein Holzbrett montiert, im Gegensatz zum Blechuntersatz der anderen Variante. Wie lange die Bing produziert wurde, ist mir nicht bekannt (ich danke für Hinweise aus der lesenden Bevölkerung).

 bing ext
Bing No. 2, "Blechvariante". Courtesy A. Seaver
Bing Student Type 
Bing No. 2 "Student Type"

1927 war auch das Jahr, in dem Stephan Bing das väterliche Unternehmen verliess. (13) Er blieb in Nürnberg und stieg kurz danach bei den Vereinigten Spielwarenfabriken ein, die in der Folge mit den Trix Eisenbahnen weltberühmt wurden. (9, 10) Im Jahr 1938 musste die Familie Bing schliesslich dem Druck des Nationalsozialismus weichen. Die Anteile an der Firma wurden zwangsverkauft (11) und die Bings emigrierten nach England, wo Stephan Bing während des Kriegs interniert wurde und am 19. April 1940 an einer Herzattacke starb. (9, 10, 12)

 franz stephan bing
Stephan Bing und sein Sohn Franz, vermutlich 1938

Die Weltwirtschaftskrise und die Folgen

Als Folge der Weltwirtschaftskrise ging der Absatz zurück und sowohl der Konzern als Gesamtes als auch die Schreibmaschinensparte kämpfte mit vollen Lagern bei geringem Verkauf. Im Frühjahr 1932 war die Bing-Werke AG schliesslich zahlungsunfähig. (2) Die Konkursmasse wurde unter in denselben Sparten tätige Unternehmen aufgeteilt. (2) So blieb auch der Name "Bing" für die Herstellung von Vergasern für Autos und Motorräder erhalten. (2) Das Unternehmen ist noch heute tätig. (4)

Noch vor dem Zwangsausgleichverfahren hatte die Orga AG - bisher Vertreiberfirma der Schreibmaschinen - beschlossen, nunmehr in Eigenregie die "Orga" Schreibmaschinen zu produzieren. (2) Ab April 1932 wurde so die Herstellung der Orga von der Orga AG mit Sitz in Berlin aber Produktion in Nürnberg fortgesetzt. (2) Noch im selben Jahr erschien ein neues Modell, die Orga 6. (2) Die Produktion der Orga Standardschreibmaschine lief jedoch 1934 aus. (2) Lang-Krüger gibt 1936 die "Orga-Aktiengesellschaft, Berlin SW 68, Charlottenstrasse 96" als "Herstellerfirma und Vertrieb" an. (3)

Vier Jahre später, im Jahr 1936, gibt wiederum die Orga AG - seit 1932 Produzent und Vertreiber - den Vertrieb der Orga Schreibmaschinen an die Royal Schreibmaschinen GmbH ab. (2) Laut L. Dingwerth dürfte dies damit zu erklären sein, dass die Orga AG wegen "willkürlicher Preisgestaltung" und "aufgrund der Tatsache, dass die Orga Privat lange Zeit am Fachhandel vorbei an Waren- und Versandhäuser geliefert worden war", Probleme hatte, ihre Produkte im Fachhandel zu platzieren. (2) Dieses Manko konnte die Royal Schreibmaschinen GmbH ausgleichen. Laut Schramm 1962 wurde die Orga AG als Ganzes von Royal übernommen. (5)

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Hierin wurde nach dem Zweiten Weltkrieg angeknüpft: die Orga AG (im Besitz der deutschen Royal?) produzierte ab 1945 wieder Orga Privat Schreibmaschinen, das letzte um 1949/50 als Modell 12. (2, 5) Ab 1950 kam dann als direkter Nachfolger die Royal Superia auf den Markt. (2, 5, und Bildvergleich links). Mit dem Produktionsende dieser Maschine im Jahr 1953 endet auch die Produktionsgeschichte der Orga Privat.

Alle Modelle zusammengefasst wurde die Orga Privat über fast 30 Jahre produziert, was an sich schon ein kleiner, und vielleicht nicht genug beachteter, Rekord ist.

 

Der Konstrukteur der Orga Privat: Ludwig Reischl

Konstrukteur der Bing war Ludwig Reischl.

ludwig reischl

Ernst Martin berichtet, dass Ludwig Reischl als Ingenieur bei Bing & Co eintrat, "wo er sich mit der Konstruktion von mechanischem Spielzeug und physikalsichen Übungsgeräten befasste. 1912 wurde er Oberingenieur und Abteilungsleiter. Besondere Verdienste erwarb er sich bei der Überführung der Kriegswirtschaft in Friedensbetrieb. In diese Zeit fallen auch seine Arbeiten zur Konstruktion der Orga-Privat, wobei ihm daran lag, eine gute, dabei aber möglichst wohlfeile Maschine herzustellen." "Neben diesen Aufgaben studierte Reischl fleissig den Vogelflug und seine Verwertung zum Menschenflug und beschäftigte sich erfolgreich als Segelflug- und Flugmodellkonstrukteur. 1927 trat R. bei Bing aus, um sich mit der Herstellung von mechanischen Blechspielwaren und Heimkinos für Schule und Haus zu erschwinglichen Preisen im eigenen Betrieb zu beschäftigen. "(1, @507f.) Er konstruierte auch einen Filmaufnahmeapparat. (1, @508)

Soweit Ernst Martin. Ludwig Reischl hat aber auch die Bing Schreibmaschine konstruiert.

 

 

Mehr Orgas im Netz:

- A. Betzwieser: Orga Privat

- W. Davis: European Typewriters (Tilman Elster collection)

Zum Weiterlesen:

- Bernhard J. Schwarz zur Firmengeschichte der Bing (exzellent)

- W. Davis, Type test: Orga Privat Model 3

- maschinengeschrieben: Orga Privat review

- Rudolf Braune, Das Mädchen an der Orga Privat, 1930 (Roman)

 

Quellen / sources:

(1) Ernst Martin, Die Schreibmaschine, Aachen 1949

(2) L. Dingwerth, Bing, Orga: Die Bing-Werke AG / Orga AG, in: L. Dingwerth, Die Geschichte der deutschen Schreibmaschinenfabriken, Band 2: Mittlere und kleine Hersteller, Kunstgraphik Dingwerth GmbH, Delbrück 2008, pp. 183 - 190.

(3) K. Lang, A. Krüger, Handbuch des Maschinenschreibens, Darmstadt 1936

(4) http://www.bingpower.de, abgerufen am 18.6.2012

(5) H.F.W. Schramm, Liste der Herstellungsdaten deutscher und ausländischer Schreibmaschinen, 11. Aufl., Burghagen Verlag, Hamburg 1962

(6) Royal Superia, in: L. Dingwerth, Lexikon historischer Schreibmaschinen. Für die Zeit von 1940 bis zum Beginn der Elektronik, Delbrück 2008, p. 450.

(7) Rudolf Endres, Gebrüder Bing, Nürnberg, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44845> (16.01.2012), abgerufen 18.6.2012

(8) nuernberginfos.de, Bing-Werke AG - Ignaz Bing, online auf http://www.nuernberginfos.de/traditionsfirmen-aus-nuernberg/bing-werke-ignaz-bing.html , abgerufen am 18.6.2012

(9) nuernberginfos.de, Trix Vereinigte Spielwarenfabriken – Trix-Express – Trix-Metallbaukasten, online auf http://www.nuernberginfos.de/traditionsfirmen-aus-nuernberg/trix-express-modellbahn.html, abgerufen am 18.6.2012

(10) VV.AA., Trix, http://de.wikipedia.org/wiki/Trix, abgerufen am 18.6.2012

(11) Eine Abschrift des Vertrags vom 27. April / 12. Mai 1938 ist auf http://www.zinnfiguren-bleifiguren.com/Firmengeschichten/Haffner/Vertrag_Voelk.pdf abrufbar (besucht 18.6.2012)

(12) www.trixstadt.de, 1938 - Neuheiten und Zwangsverkauf, http://trixstadt.de/trix-express-geschichte/1938-neuheiten-und-zwangsverkauf/, abgerufen am 18.6.2012

(13) Bernhard J. Schwarz, Firmengeschichte Bing, S. 14, online auf http://www.zinnfiguren-bleifiguren.com/Firmengeschichten/Bing/bing_seite_14.htm#bing_seite_14, abgerufen am 18.6.2012

(14) US1634725

(15) Schramm (5) gibt als letzte Einträge in der Produktionsliste "- 32000....1934" und "-32500....1938". Nach L. Rolf ( L. Rolf, Orga Standard - Besser als ihr Ruf?, in: Historische Bürowelt, No. 42, Juni 1995, pp. 10-15) bedeutet dieser letzte Eintrag, dass die eigentliche Produktion 1934 endete, aus den noch vorhandenen Teilen bis 1938 aber ca. 500 Maschinen zusammengebaut wurden.

(16) Dieser Punkt muss noch abgeklärt werden: war die Orga AG, die ab 1932 die Orga Produktion übernommen hatte, Teil der deutschen Royal? Laut Dingwerth (2) gab die Orga AG 1936 den Vertrieb an die deutsche Royal ab. War sie aber eine Tochterfirma der Royal? Schramm (5) scheint dies zu vertreten und listet dementsprechend die Orga ab Modell 6 (1933) schon unter die Produktion der deutschen Royal. Andererseits firmiert formell die Orga AG als Hersteller der Maschinen: so belegt für die Orga Modell 9 (http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/16980629, abgerufen am 18.6.2012).

(17) s. Bildvergleich auf dieser Seite

(18) Zeitungsannonce der Royal Schreibmaschinen GmbH aus 1936 "Royal hat den Vertrieb der Orga übernommen!" in (2 @189)

(20) W. Davis, Type test: Orga Privat Model 3, http://machinesoflovinggrace.com/ptf/TypeTestOrga3.html, visited 18.6.2012

(21) Reklame, Augenschein.

© G. Sommeregger 2012

created 18.6.2012 - last update 24.7.2012

Danke für Kommentare und Korrekturen. Thank you for comments and corrections.