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Dactyle

(Produzent noch zu bestimmen)

 

1893 - ?

 Dactyle typewriter

 

Modell Dactlye n°2 (7) model
Typ Kleinschreibmaschine / portable type
Konstrukteur / Erfinder französischer Lizenzbau der Blickensderfer n°5 inventor
Hersteller

Dactyle, 46, Boulevard Haussmann, Paris (1); 4, rue Lafayette (

manufacturer
Produktionsort Neuilly (2, @457) place of production
Seriennummer (Baujahr) 49 (1893) serial number (year made)
Tastatur WZYBHFXK (1. Reihe) UIJASETONR (3. Reihe) keyboard
gebaut von - bis

1893 (10) -

production years
Anmerkungen

Lizenzbau der Blickensderfer n°5 (10)

remarks
Vorgängermodell - preceded by
Nachfolgemodelle Dactyle n°3 (1897) (7) wurde ab Erscheinen parallel angeboten (7) - Dactyle n°8 (1907) (11) - Alumninium Dactyle (13) followed by
Status Sammlung G. Sommeregger status
Gesamtstückzahl ? numbers made

Seriennummern

Seriennummern Dactyle n°2 (=Blickensderfer 5) Quelle
niedrigste* / lowest 49 eigene Sammlung
höchste* / highest 736 The Virtual Typewriter Museum
*Es handelt sich um die mir bisher bekannten Seriennummern. Danke für die Bekanntgabe weiterer Nummern: e-mail

Dactyle - ein Unternehmen von Octave Rochefort

Auf der Bodenplatte der Dactyle Schreibmaschine steht gut sichtbar unter der Tastatur geschrieben: "BREVETS BLICKENSDERFER S.G.D.G. / OCTAVE ROCHEFORT, Ingénieur des Arts et Manufactures / Seul Concessionaire. Constructeur / FRANCE - ESPAGNE - PORTUGAL - BELGIQUE - SUISSE - ITALIE". Wer war nun dieser Mann, der voller Stolz seinen Namen auf die französischen Blickensderfer schreiben ließ?

Dactyle typewriter 

Es war kein Geringer, auch wenn sein Name heute kaum bekannt ist. Octave Rochefort (1860 - 1950)(2), Sohn des streitbaren Journalisten und Politikers Henri Rochefort (1830 - 1913; er war u.a. führender Gegner von Dreyfus), besuchte zunächst die Ingenieurskaderschule École centrale in Paris (voller Name: École des Arts et Manufactures), die er brilliant absolvierte.

Seine ältere Schwester Noémie (1856 - 1943) war mit dem Schweizer Bildhauer und Maler Frédéric Dufaux (1852 - 1943) verheiratet. Eines ihrer drei Kinder war der bekannte Luftfahrtpionier Henri Dufaux (1879 - 1980). Sein älterer Bruder Henri Maximilien starb 1889 mit 30 Jahren durch Selbstmord in Algier. (3)

Von Octave, innerhalb der Familie "Bibi" genannt, wird schon aus frühester Jugend Erstaunliches berichtet. So schreibt Juliette Adam in ihren Memoiren über die Zeit der belagerten Kommune von Paris: "Rochefort und sein Sohn waren hier zum Abendessen. Es gibt nichts Erstaunlicheres als Octave Rochefort, mit Spitznamen Bibi; er denkt und spricht wie ein 40jähriger Mann; mit acht Jahren [Octave ist 1870 zehn Jahre alt, Anm.] ist er viel älter als sein Vater; er belehrt ihn, rät ihm, der Gunst des Volks nicht zu trauen..." (4) Später besucht er aus Gesundheitsgründen das Lyzeum in Algier. (2, @293)

Neugierigkeit und wacher Geist scheinen seinen gesamten Lebensweg zu prägen, auf dem er in verschiedenen Positionen und Forschungsfeldern brilliert. Als frisch ausgebildeter Ingenieur beschäftigt sich Rochefort zunächst in Algerien mit dem Bergbau. (dies und folgende: 2, @457) Von 1887 bis 1890 finden wir ihn als Inspecteur des Travaux Publics in Argentinien, wo er auch als Professor für Geometrie und Statistik arbeitete (nach einer anderen Quelle (3) Professor für chemische Physik an der Universität in Cordoba, Argentinien). Nach einem weiteren Aufenthalt und Arbeit in der Bergbauindustrie in den U.S.A. kehrt er nach Frankreich zurück und eröffnet in Neuilly (bei Paris) eine Schreibmaschinenfabrik. Die hier vorgestellte Maschine stammt aus dem ersten Produktionsjahr 1893 (10; in einer Quelle wird angegeben, die ersten Maschinen wurden aus in den U.S.A. hergestellten Teilen hergestellt, XXX; ob die Dactyles in Frankreich nur zusammengebaut wurden oder Teile selbst hergestellt wurden und zu welchem Grad, gilt es noch zu erforschen). Spuren seiner Tätigkeit zur Dactylo Schreibmaschine finden sich in einem Fachblatt von 1896, wo über einen Vortrag von Rochefort vom Juni 1896 zum Thema berichtet wird. (5) Nach Girard fand Rochefort aber nicht die nötigen Geldmittel, um eine von ihm angestrebte automatisierte Produktion einrichten zu können. (dieses und folgende: 2, @457) Die Firma "Dactylo" vertrieb neben Schreibmaschinen auch Rechenmaschinen und weiteren Bürozubehör (s. unten).

Dactlye publicite

Reklame für Dactylo. Ohne Datum. Quelle: rechnerlexikon.de, scan (c) Stephan Weiss

So kehrte er 1896 in die U.S.A. zurück, wo er - vergeblich - versuchte, eine Fabrik für Rechenmaschinen, Braillemaschinen, und Transformatoren einzurichten. 1897 ist er wieder in Argentinien, wo er seine Forschung weiterverfolgt. Er erfindet u.a. einen Ofen, der ohne Unterbrechung arbeitet und 500.000 Ziegel pro Monat auswirft. Weiter ist er mit einer Erfindung aus 1907 Pionier der drahtlosen Übertragung von Information (kabellose Telegraphie). Er richtet auch die erste Radioverbindung zwischen Frankreich und Südamerika ein. Eine Vielzahl von Patenten lauten auf seinen Namen (s. Espacenet).

rochefort

via google patents

Octave Rochefort stirbt 1950 im Alter von 90 Jahren. Er hatte einen Sohn, Claude. (2)

Die Firma Dactyle

Soweit bisher bekannt, wurden unter der Marke "Dactyle" Schreibmaschinen, Rechenmaschinen und weiterer Bürozubehör wie Vervielfältigungsmaschinen und Scheckmaschinen vertrieben. (7, 12) Gegründet wurde die Firma von Octave Rochefort, wie lange sie bestand und wie lange er selbst operativ in der Firma tätig war, ist mir unbekannt. Nach mehreren Quellen kam die erste "Dactyle" Schreibmaschine 1893 auf den Markt. (10) 1896 hält Rochefort einen Vortrag über die "Dactyle" Schreibmaschine. (5) Am 10. Mai 1897 erscheint in der Revue Technique ein Artikel von Rochefort über die "Dactyle" Rechenmaschine. (8)

dactyle

Quelle: (12). Datum unbekannt (ca. 1900)

Aus obenstehender Abbildung, enthalten in einem Werbeprospekt, wird das Netz der nationalen Filialen und Generalvertretungen im Ausland ersichtlich. Der Hauptsitz am Boulevard Haussmann n° 46 ist der heutige Standort des Kaufhauses Galleries Lafayette. Das ebenfalls erwähnte Konstruktionsatelier in der Rue Mogador 3 ist gleich nebenan.

1. Schreibmaschinen

1.1. Dactyle

Nach Angaben in einem Werbeprospekt wurden zwei Modelle der "Dactyle" vertrieben. Modell n°3 kostete 300 Franken, wog 4,5 Kilo und war mit robuster - u.a. Rahmen, Lineal - ausgeführt als Modell n° 2, das 250 Franken kostete und nur 3,5 Kilo wog. (7)

Modell n°2 entspricht wie gesagt der Blickensderfer n°5 (seit 1893 auf dem Markt), während Modell n°3 der Blickensderfer n°7 entspricht (seit 1897 auf dem Markt, s. Photo hier). (10)

dactyle

oben und unten: Reklame für Dactylo. Ohne Datum. Quelle: rechnerlexikon.de, scan (c) Stephan Weiss

dactyle

1.2. Stella

stella

Quelle: (12)

Hierbei handelt es sich um eine Lizenzherstellung der von Blickensderfer produzierten "Niagara".

2. Rechenmaschinen

Wie bei den Schreibmaschinen wurde auch hier in Lizenz hergestellt: zunächst Rechenmaschinen von Brunsviga, dann die aus dem französischen Jura stammenden "Château". (9) Sehen Sie Abbildungen auf rechnerlexikon.de.

3. Vervielfältigungsmaschinen

dactyle

Quelle: (12)

cyclostyle gestetner

Quelle: (12)

 

 

weitere Dactyles im Netz:

- The Virtual Typewriter Museum

- Dactyles aus der Sammlung Elster bei Will Davis

- Dactyle 8 auf typewriter.be

- Herman Price

Quellen und Fussnoten

Dank an Herrn R. Alexis für Informationen zur Dactyle.

Fussnoten:

(1) Schild auf Dactlye n° 49.

(2) Claude-Jean Girard, Un polémiste à Paris: Henri Rochefort, Editions L'Harmattan, 2003, (via google books).

(3) Wikipedia, Henri Rochefort, http://fr.wikipedia.org/wiki/Henri_Rochefort (visited 6.1.2012)

(4) Juliette Adam, Mes illusions et nos souffrances pendant le siège de Paris, Band 4 von Mes souvenirs, A. Lemerre, 1906 (via google books).

(5) 1896 - Conférence de M. Octave Rochefort sur les Machines à Êorire Le vendredi '6 juin [1896], M. Octave Rochefort, ingénieur des Arts et Manufactures, représentant de la machine à écrire, la Dactyle, a fait une conférence sur les machines à écrire, in: Le Sténo-dactylographe, Bände 1-2, G. Buisson, 1896 (via google books).

(6) Adresse auf Plakette einer Dactyle Rechenmaschine, abgebildet auf http://www.rechnerlexikon.de/artikel/Bild:Haeghens-dactyle-4.jpg (visited 6.1.2012)

(7) Werbebroschüre Dactyle, abrufbar auf http://rechnerlexikon.de/files/AdvDactyle.pdf (visited 6.1.2012)

(8) Rochefort, Octave: La machine a calculer "Dactyle". La revue technique, Vol XVIII, 1897, No. 9, S. 213-214, abrufbar auf http://www.rechnerlexikon.de/artikel/Rochefort_1897 (visited 6.1.2012)

(9) Dactyle, in: Rechnerlexikon. Die große Enzyklopädie des mechanischen Rechnens, http://www.rechnerlexikon.de/artikel/Dactyle (visited 6.1.2012)

(10) The Virtual Typewriter Museum, Dactyle, http://www.typewritermuseum.org/collection/index.php3?machine=dactyle1&cat=ks (visited 6.1.2012)

(11) W. van Rompuy, typewriter.be, Dactyle 8, http://www.typewriter.be/dactyle8.htm

(12) Dactyle. Machines à Ecrire pratiques, in: Au Fil de la Plume. Le magazine du club des collectionneurs d'objets d'écriture, n°85, pp. 43-47

(13) W. Davis / T. Elster, Dactyle, http://machinesoflovinggrace.com/ptf/EuropeDactyle.html (visited 8.1.2011)

 

© G. Sommeregger 2012

created 2012-01-06 last update 2012-01-08

Danke für Kommentare und Korrekturen. Thank you for comments and corrections.