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Wiener Brief [1909]

Vom Sommer in Wien, dem griechischen Geschäftsmann, dem Problem der Vielsprachigkeit, dem Urtschechen, fanatischen Ehefrauen und tschechisierten Schreibmaschinen … die Schreibmaschinen-Zeitung Jg. 1909 hat uns auch heute noch viel zu sagen:

„Wiener Brief

Die Abwesenheit der Wiener Geschäftsinhaber ist in keinem Monate eine so allgemeine wie im August, und zu Anschaffungen von Bureaumaschinen und Bureaumöbeln besteht in diesem Monate recht wenig Neigung. Besonders ist dies dann der Fall, wenn die liebe Sonne durch ihr fast südliches Temperament das Wiener Asphaltpflaster zum „Erweichen“ bringt und die Fiakerstände einen Duft ausströmen, der keineswegs an die prächtige Blumenflora der Wiener Vorstadtbesitzungen gemahnt. In diesem Sommer kann man zwar nicht vom südlichen Klima sprechen, im Gegenteil, es war zu oft recht kühl und stürmisch. Trotzdem war auch diesmal der August eine saison morte für Wien wie sonst. Es kamen ja wohl eine Anzahl, zum Teil lange vorher eingeleitete Geschäfte zustande, aber es wurde wenig „gefragt“ und die „fetten“ Anfragen, mit deren einer wenigstens in der Tasche der Reisende so gern morgens seine Tour antritt, blieben aus. Selbst die  grossen Preisnachlässe, die nun einmal im Wiener Geschäft Brauch sind, konnten keine Aenderung dieser Geschäftslage herbeiführen. Die politische Krise mit ihren zahlreichen Verzweigungen, wie der türkische Boykott und das Verhalten anderer Staaten gelegentlich der Annexion von Bosnien haben dem Geschäftsleben im allgemeinen genügend geschadet, um die österreichischen Firmeninhaber von jeder geschäftlichen „Luxus“ Anschaffung, als die man irrtümlicherweisen den Erwerb von Bureaumaschinen immer noch vielfach ansieht, abzuhalten. Es gab aber auch eine Anzahl Geschäftsleute, die durch den allgemeinen Druck zur Erkenntis gelangten, dass gerade jetzt der richtige Moment für die Anschaffung praktischer, zeitsparender Bureaumaschinen, in erster Linie der Schreibmaschine, gekommen ist und dass, wenn es „halt bisher auch so gange is“, nun eben „mit a biss’l mehr a Schneid'“ gearbeitet werden muss, um das Verlorene wiederzugewinnen.

Auch der bisher noch vertragslose Zustand mit Serbien, dessen Geschäftslage übrigens zurzeit keine allzu günstige ist, ebenso das Ausbleiben der Inkraftsetzung des rumänisch-österreichischen Handels-Uebereinkommens, das der Reichsrat unerledigt liess und das dem österreichischen Export mancherlei Erleichterungen verschafft hatte, sind von erheblichem Nachteil für den Export nach diesen geographisch für Oesterreich so güngstig gelegenen Ländern. Ebenso entbehren die Handelsbeziehungen zu Bulgarien noch der notwendigen vertragsmässigen Regelung, während alle anderen wichtigen Industriestaaten mit diesem Lande ihre Handelsverträge bereits abgeschlossen haben. Wie sich der Handel nach der Türkei gestalten wird, muss abgewartet werden. Unter dem alten Regime war es verboten, Schreibmaschinen einzuführen. Nach Einführung der Verfassung und Platzgreifen moderner Anschauungen wird sich jedoch wohl auch bald die türkische „Pforte“ dem Schreib- und Rechenmaschinen Handel öffnen. In diesem Falle wäre dann allerdings eine grosse Nachfrage darin zu erwarten.

Die Ansichten über den griechischen Kaufmann sind in Oesterreich, wo man doch über längere praktische Handels-Erfahrungen verfügt, keineswegs optimistische, wie sie vor kurzem von anderer Seite von Frau A. Adelt-Duc in der Schreibmaschinen-Zeitung geäussert wurden. Man erinnert sich vielmehr stets vor dem Begin eines geschäftlichen Verkehrs mit den modernen griechischen Kaufleuten, dass schon bei den alten Griechen der Gott des Handels und der Kaufleute auch jener der Spitzbuben war. Es gibt ein böses Sprichwort, das die Solidität des griechischen Geschäftsmannes in einer nicht besonders günstigen Weise charakterisiert. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, dass, besonders in den grossen Städten Griechenlands, nicht durchaus zahlungsfähige hochachtbare Firmen zu finden sind.

Im allgemeinen legt man sich in Oesterreich im Handelsverkehr mit den Balkanländern eine ziemliche Reserve auf, zumal solide und branchekundige Vertreter dort schwer zu finden sind. Andererseits ist im Falle von Differenzen deren gerichtliche Austragung mit ungeheuren Kosten und Umständlichkeiten verknüpft, wobei der Erfolg noch recht zweifelhaft bleibt. Meistens wird nach dem Orient nur gegen vorherige Kasse geliefert, andernfalls häufig lieber auf das Geschäft verzichtet, selbst wenn es noch so aussichtsreich erscheint.

Mit Bureaueinrichtungen, besonders modernen Möbeln, wäre angesichts der oft recht „vorsintflutlichen“ jetzigen Verfassung der österreichischen Kontore noch ein gutes Geschäft zu machen. Für das Ausland allerdings kaum, weil die Einfuhrzölle so hoch sind, dass bei dem sowieso relativ nicht grossen Verdienst im Handel mit Bureaumöbeln der Gewinn kaum die Spesen decken dürfte. Rechenmaschinen sind hier bei bedeutenderen behördlichen Kanzleien und grösseren industriellen Unternehmungen bereits recht gut eingeführt, doch haben sie noch ein grosses Feld, wo anderswo auch. Für Kopiermaschinen scheint das Geschäft ziemlich schwierig zu liegen. Man sieht sie verhältnismässig wenig. Vor kurzem erfuhr ich von einer Firma, dass sie ihre gute deutsche Kopiermaschine wieder abgeschafft haben, jetzt nach dem Frane-Verfahren, d. h. unter Verwendung der Frane-Kopierseidenpapiere, also ohne Wasser, mit der Handpresse eine grosse Anzahl Kopien gleichzeitig herstellt und sehr zufrieden damit sei. 

Besonders grosse Spesen und viele Umständlichkeiten entstehen dem hiesigen Schreibmaschinen-Handel durch die in Oesterreich herrschende Vielsprachigkeit. Auch die unerquicklichen politischen Verhältnisse spiele da hinein. So ist die direkte Lieferung nach Böhmen, d. h. dem tschechischen Teile Böhmens, von Wien aus, als dem Sitz fast aller österreichischen General-Vetretungen, so gut wie unmöglich. Der „Urtscheche“ kauft, wenn es irgend angeht, nicht von Wien, er will in Böhmen vom Landsmann beziehen und zwar „tschechische“ Maschinen. Schon an der Sprachgrenze, wie z. B. in Brünn, findet der deutschsprechende Reisende bei den tschechischen Firmeninhabern und Privaten (die Ehefrauen sind da die schlimmsten Fanatiker) kein Gehör und wird unter irgendeinem Vorwande abgewiesen. Jeder Dienstmann dort kennt übrigens diese „Urböhmischen“ und rät von ihrem Besuche ab. Auch die „von selbst gehende“ Schreibmaschine würde keinen Einlass bei ihnen finden, sobald sie irgendeine deutsche Bezeichnung, wie z. B. das Wort „Umschaltung“ auf der entsprechenden Taste, trägt. Allenfalls dürfen die Bezeichnungen englisch sein. Das gleiche gilt von den Drucksachen, auch von der Gebrauchsanweisung. Eher lässt man sich die ganze Anweisung ins Englische übersetzen, als dass man sie deutsch in Gebrauch nimmt. Selbstverständlich müssen die böhmischen Maschinen mit den tschechischen Akzenten ˇ und ‚ , wenigstens auf einer toten Taste, versehen sein. Mitten in Böhmen, z. B. in Prag, begnügt man sich damit jedoch nicht, sondern will die Buchstaben ž, š, č, ř, ě und é, ausserdem das ú (dieses ist lediglich orthographisches Zeichen und ohne Einfluss auf die Aussprache ) als fertige Schriftzeichen vorfinden, wodurch das vorherige Anschlagen des Akzents, also zweimaliges Tastenanschlagen, überflüssig gemacht wird. Die in der obersten Tastenreihe befindlichen Zeichen müssen dann bei den deutschen Maschinen meist fortfallen. Diese Ansprüche der Herren Pospischil, Nawratil, Drvořak, Wlk, Plch usw. zwingen also die General-Vertretungen, wenn sie nicht auf das Geschäft im tschechischen Teil Böhmens verzichten wollen, dort, und zwar möglichst in Prag, Untervertretungen zu installieren und die dort zu liefernden Typewriters zu „tschechisieren“.

Es liegt auf der Hand, dass die Vielsprachigkeit Oesterreichs (deutsch, böhmisch, polnisch, ungarisch, slovenisch [sic] usw.) und besonders die verschiedenen mehrsprachigen Verbindungen (deutsch-polnisch, deutsch-ungarisch, deutsch-böhmisch usw.) dieser Idiome gemischtsprachiger Gegenden dem Handel mit Schreibmaschinen kostspielige und oftmals recht schwierige Aufgaben stellen und ihn sehr belasten. Ausserordentlich umständlich und zeitraubend gestaltet sich aber die Befriedigung derartiger Käufer bei dem Handel mit gebrauchten Schreibmaschinen verschiedensten Systems, wie ihn einige Firmen hier betreiben, weil zu den Typen verschiedener Sprachen auch noch die Verschiedenheit der Fabrikate hinzutritt.

Victor

in: Schreibmaschinen-Zeitung Hamburg, Nr. 135, 15. September 1909, S. 264f.

Die Meisterschaft von Oesterreich auf der Schreibmaschine [1906]

„Bei dem am 21. April in Wien (Hotel zur Post) stattgehabten Preiswettschreiben für Maschinenschreiber gingen als Sieger hervor: Fräulein Emma Weiss (Remington), Beamtin im Patentbureau des Ingenieurs Palm, mit 2 ersten Preisen und 1 zweiten Preis, Fräulein Mila Seidel (Ideal), staatlich geprüfte Lehrerin der Stenographie, mit je 1 ersten, zweiten und dritten Preis, und Fräulein Albine Grünzweig (Courir) [sic!], Beamtin der Maschinenfabrik Greger & Co., mit 1 zweiten und 2 dritten Preisen. – Die Meisterschaft von Oesterreich wurde Fräulein Mila Seidel (Ideal) beim Diktatschreiben für 70 Wörter in der Minute zu teil. – Als Preisrichter fungierten Lehrer der Fachschule für Stenographie und Maschinenschreiben in Wien VII. Neustiftgasse 3 (Josef Seidel, Kari Burger, Joh. Henz) sowie Vertreter der Schreibmaschinenfirmen: Ferdinand Schrey (Hammond), Hch. Schott & Donnath (Ideal) und Kammerer & Filzamer (Kanzler): die Herren Kaddatz, Zusa und Kammerer. Ausserdem waren folgende Schreibmaschinen-Firmen beim Wettschreiben vertreten: Theodor Weiss & Co. (Empire), A. Greter & Co. (Courir), Glogowski & Co. (Remington), von Risch (Smith Premier). An Preisen gelangten 300 Kronen zur Verteilung, die von beteiligten Interessenten gespendet wurden, und zwar 60 Kronen von Hch. Schott und Donnath, je 50 Kronen von den Firmen Ferdinand Schrey, A. Greger & Co. und Kammerer & Filzamer, 100 Kronen vom Verlag ‚Der prakt. Stenograph und Maschinenschreiber in Wien‘, 5 Kronen von der Firma Salzer, etc.“

in: Schreibmaschinen-Zeitung. Monatsschrift für das gesammte Schreibmaschinenwesen, Nummer 96, 15. Juni 1906, S. 83.

So viel Geschichte in nur einem Zeitungsartikel! Neben einem fantastischen Überblick der Schreibmaschinenhändlerszene Wiens Anfang des 20. Jahrhunderts tauchen auch Frauenfiguren auf, denen man zu gern ein Gesicht geben würde. Eine Internetrecherche gibt mögliche Pisten:

So könnte es sich bei der Angestellten („Beamtin“) der Maschinenfabrik Greger & Co. um die Albine Grünzweig, geb. 1889, Tochter von Jakob Grünzweig und Am Grünzweig, geborene Gutsch, handeln. 1. Diese Albine Grünzweig heiratete 1912 Richard Kuhn. Als Albine Kuhn wurde sie Mutter von neun Kindern und starb 1948 im 59. Lebensjahr. 2 Fräulein Grünzweig hätte somit 1906 als 17jährige bei Greger & Co. gearbeitet und mit flinken Fingern gleich einen Preis im Wettschreiben abgeräumt – natürlich auf der hauseigenen „Courier“ Maschine (hier „Courir“ geschrieben, was wiederum auf die Aussprache dieser Marke aus Ottakring schliessen lässt, nämlich wie die heutige Tageszeitung „Kurier“, gleich dem Kurier, dem Läufer).  

Notes:

  1. http://www.myheritage.com/names/albine_kuhn, abgerufen am 28. September 2015
  2. http://www.myheritage.com/names/albine_kuhn, abgerufen am 28. September 2015

1. Type-In Wien 2015

Man/frau traf sich im Supersense… es herrschten 38 Grad. War dadurch die Anreise noch schwierig (einem Kandidaten versagte gar das Auto), herrschte vor Ort dann, im luftigen Ambiente von Karl Caufals „Dogenpalast“ sowie versorgt mit wunderbaren Getränken, eine Hetz‘ (österr.: Spass, grosses Vergnügen).

Hier also einige Eindrücke unseres ersten Type-In in Wien vom 22. Juli 2015. Dabei waren die Organisatoren Rodja (die Schreibmaschinisten), Nicola (Wortfachgeschäft) und Georg (typewriters.ch), sowie Samo, Herbert und Irma.

Es hat viel Spass gemacht – beim 5-Minuten-Wettschreiben haben gerade alle gewonnen – und das Ambiente des Supersense war ideal. Wir danken an dieser Stelle noch einmal dem Team von Super Sense, uns gehostet zu haben. Da capo!