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Die Lambert Schreibmaschine

Lambert typewriter, #4329, Made in England.
Lambert typewriter, #4329, Made in England.

In meiner Sammlung habe ich seit kurzem eine Lambert Schreibmaschine (Seriennummer 4329). Ich halte sie für eine der schönsten und ungewöhnlichsten Schreibmaschinen überhaupt. Hier deshalb als Vorschau einige Photos und Informationen.

Frank Lamberts schöne Schreibmaschine

(Der folgende Überblick beruht auf dem Artikel von Paul Robert, A Splendid Anachronism, in: P. Robert / F. Mantelli / R. Milton / P. Weil, The Typewriter Sketchbook, The Virtual Typewriter Museum 2007 (e-edition), den ich unbedingt empfehle.)

Vereinigte Staaten von Amerika

Erfinder der Lambert Schreibmaschine war der 1851 in Lyon, Frankreich, als François geborene Frank Lambert (1851 – 1937). 1876 emigrierte Lambert nach New York. 1884 patentierte er erstmals eine Schreibmaschine, die im Wesentlichen schon die später erzeugte Lambert beschreibt. Nach einer langen Pause, in der er sich um sein Hauptgeschäft, Wasserzähler, kümmerte, kam Lambert auf seine Pläne für eine Schreibmaschine zurück. 1898 patentierte er sie erneut. 1899 war die Schreibmaschine produktionsreif. Wohl 1900 wurden die ersten Maschinen erzeugt. Wie R. Messenger anmerkte, gab es aber noch einen zweiten Mann, der in der Patentgeschichte der Lambert aufscheint und der aufgrund seines Berufs als Uhrmacher seinen Anteil zur Entstehung der Lambert Schreibmaschine geleistet haben dürfte. 1 Es handelt sich um den ebenfalls französischstämmigen Eugène R. Pastre. 2 Biographische Notizen zu beiden Männern finden Sie weiter unten.

Die Exclusivrechte zur Herstellung der Lambert Schreibmaschine in der Westlichen Hemisphäre trat Frank Lambert an die im Mai 1900 eingetragene Lambert Typewriter Co. ab. Diese stellte in der Folge in New York die amerikanischen Lamberts her. Die amerikanische Produktion endete 1904.

England

Im Mai 1900 meldete die Gramophone Company aus London Interesse an der Lambert Schreibmaschine an. Nach anfänglichen Verhandlungen um die Verkaufsrechte schloss Frank Lambert mit der Gramophone Company schliesslich einen dem mit der Lambert Typewriter Co. ähnlichen Lizenzvertrag zur Herstellung der Maschine in England ab. Im Dezember 1900 benannte sich die Firma auf The Gramophone & Typewriter Company um. Im Mai 1901 war die englische Produktionsstätte fertig eingerichtet.

Schon 1903 musste sich die Firma jedoch eingestehen, dass die Lambert Produktion kein Erfolg war. Die Produktion wurde eingestellt (fertige Teile wurden noch montiert), und man suchte einen Ausweg, um die beträchtlichen Lagerbestände zu dezimieren.

Frankreich

Im April 1904 kaufte der französische Geschäftsmann Sidney Hébert der Gramophone and Typewriter Company 1000 Lambert Maschinen zum Dumpingpreis ab. Hébert investierte massiv in Werbung, und der Verkauf der Maschinen zog an. Im September bzw. Dezember 1904 kaufte Hébert der Gramophone and Typewriter Company ihre gesamten verbleibenden Lagerbestände ab. Zusätzlich kaufte er die Herstellungsrechte samt Produktionsmaschinen.

Somit verkaufte nun Hébert europaweit und erfolgreich die bislang eher glücklose Lambert.

Typewriter Topics informiert im Juni 1907, dass die Lambert Schreibmaschine von Herrn Sidney Hébert in Dieppe hergestellt wird. Die Geschäftsadresse in Paris ist mit Rue Vivienne 42 angegeben. Im gleichen Büro wurde auch die Herold (American) und Pittsburg Visible verkauft. 3 Sidney Hébert war ein vielbeschäftigter Mann: 1911 berichtet Typewriter Topics: „Many manufacturers‘ interests are in his hands, his leading lines being the Monarch typewriter, the American (Herald) typewriter, the Lambert typewriter, which Mr. Hebert now manufactures, the Wales adding machine, the Gammeter Multigraph and a good assortment of American office furniture and some of his own make.“  4

Die Lambert wurde schliesslich bis in die 1920er Jahre verkauft. 5

Lambert Modelle

(Der folgende Überblick beruht auf dem Artikel von Paul Robert, The Lambert Variations, in: P. Robert / F. Mantelli / R. Milton / P. Weil, The Typewriter Sketchbook, The Virtual Typewriter Museum 2007 (e-edition), den ich unbedingt empfehle.)

Es existieren drei Hauptmodelle der Lambert, die wiederum kleinere Varianten aufweisen. Auf den Maschinen als solchen ist keine Modellnummer angegeben, die Unterscheidung ist jedoch optisch leicht festzustellen.

In den USA wurde zunächst das Modell 1 hergestellt, das aber noch im ersten Produktionsjahr vom Modell 2 abgelöst wurde (aufgrund der schon hergestellten Teile wurde aber auch das Modell 1 noch weiter montiert). Hauptunterschied ist, dass die „Wählscheibe“ (die Tastatur) drehbar war. Damit konnte eine kursive Schrift simuliert werden. Bei Modell 2 ist die Tastatur fix, und kann nur gedrückt, aber nicht mehr gedreht werden. Bei den Modellen 1 und 2 ist jeweils der Schriftzug „Lambert“ in geprägten Buchstaben (sogenannter „erhabene Schrift“) aufgebracht. 1902 wurde ein drittes Modell eingeführt, das keinen geprägten Namen mehr trägt, sondern nur ein Abziehbild (Decalcomanie, decal). Von diesem Modell finden sich Exemplare mit der Aufschrift „Butler“, vom Verkaufsnamen „Garden City“ sind nur Zeitungsannoncen bekannt (wenn Sie so einen Maschine besitzen und sie verkaufen wollen, wenden Sie sich bitte gerne an mich).

In England wurde von Anfang an nur das Modell 2 hergestellt, allerdings importierte die Gramophone and Typewriter Company zu Beginn 1000 Teilmaschinen, wodurch auch einige Modelle 1 von England aus in den Verkauf gelangten. Das Modell 3 wurde in England nicht hergestellt.

Sidney Hébert in Frankreich produzierte ebenfalls das Modell 2. Die von ihm nur wiederverkauften beziehungsweise (zusammen)montierten Exemplare tragen die Aufschrift „Sidney Hébert, Dieppe“. Die von Hébert selbst hergestellten Maschinen sind mit „Sidney Hébert Constructeur“ gekennzeichnet. Späte Exemplare verfügen über eine zusätzliche Rücktaste.

Die Lambert im Spiegel der Zeit

Die französische Zeitschrift La Nature widmet der Lambert 1906 einen grossen Artikel. 6 Darin finden sich hübsche Illustrationen, die wir hier zeigen. Ansonsten ist der Artikel wohl als „Werbung auf hohem Niveau“ (also in einer Fachzeitschrift erscheinende und nur leicht verbrämte Werbung) für die Lambert zu verstehen.

in: La Nature, 1906. CNAM-BIB 4 Ky 28 (69), url: http://cnum.cnam.fr/CGI/redir.cgi?4KY28.69
in: La Nature, 1906. CNAM-BIB 4 Ky 28 (69), url: http://cnum.cnam.fr/CGI/redir.cgi?4KY28.69

Diese und die folgenden Gravuren stammen übrigens von Louis Poyet, der um die Jahrhundertwende in Frankreich DER Spezialist für Abbildungen von Maschinen war. Sein Betrieb beschäftigte über 40 Arbeiter. 7

in: La Nature, 1906. CNAM-BIB 4 Ky 28 (69), url: http://cnum.cnam.fr/CGI/redir.cgi?4KY28.69
in: La Nature, 1906. CNAM-BIB 4 Ky 28 (69), url: http://cnum.cnam.fr/CGI/redir.cgi?4KY28.69

Effektiv erlebte die Lambert in Frankreich ihre zweite Jugend. Durch die intensive Werbung sind viele zeitgenössische Anzeigen erhalten. Zwei davon zeigen wir hier:

Lambert 1907
Zeitgenössische französische Werbung (1907)
Zeitgenössische französische Werbung (1913).
Zeitgenössische französische Werbung (1913).

Meyers Großes Konversations-Lexikon listet die Lambert in einem 1909 erschienenen Band als „Schreibmaschine mit kugelförmigem Typenträger“, sowie Maschine mit Oberanschlag.  8 In Luegers Lexikon der gesamten Technik, Ausgabe 1909, sowie im 1911 erschienen Brockhaus Band kommt die Lambert nicht vor. 9

Der Erfinder Frank Lambert

Frank Lambert war ein Tausendsassa. 1851 als François Lambert in Frankreich geboren, wanderte er jung in die Vereinigten Staaten von Amerika aus und wurde dort zum kreativen Erfinder sowie zum erfolgreichen Geschäftsmann (was ja oft – Stichwort „Erfinderschicksal“ – nicht zusammenkommt). Er starb im hohen Alter von 86 Jahren in New York.

Einige biographische Details erschienen in einem 1992 von A. Cramer veröffentlichten Artikel. 10 Demnach wanderte Lambert 1876 in die U.S.A. ein.

Besonders faszinierend ist der Umstand, dass die Nachwelt Herrn Lambert nicht nur eine der charmantesten Schreibmaschinen verdankt, sondern auch eine der ersten Stimmaufnahmen der Welt. 11 Derzeit (2015) ist Lamberts Aufnahme aus dem Jahr 1878 die zweitälteste Stimmaufnahme der Welt, und die älteste, die noch auf dem Originalapparat ohne Zuhilfe moderner Hilfsmittel wie Digitalisierverfahren abgehört werden kann. 12 Sie stand im Zusammenhang mit dem Vorhaben, eine „Talking Clock“, also eine „Sprechende Uhr“, zu konstruieren. So sprach denn der Erfinder in sein selbst konstruiertes Aufnahmegerät die Wortfolge „One o’clock, two o’clock, three o’clock [etc.]“, die wir staunend fast 140 Jahre später anhören können. 13 Auf tinfoil.com können Sie sich diese Aufnahme anhören.

Im hohen Alter von 86 Jahren starb Frank Lambert am 21. Juni 1937 in New York. 14

Eugène R. Pastre (1848 – 1917)

Eugène R. Pastre wurde 1848 in Frankreich geboren. In New York arbeitete er als Uhrmacher. 151886 wird Sohn Anthony geboren. 16. Am 23. Oktober 1888 wurde Pastre U.S. Bürger.  Ein Eugène R. Pastre, gestorben im Februar 1917, liegt am New Yorker Greenwood-Cementary begraben. 17 Es handelt sich mit ziemlicher Sicherheit um den Miterfinder der Lambert.

Patente

PatentnummerTiteleingereicht ampatentiert amPatenthalter
US306761TYPE-WRITING MACHINE21. Oktober 1884Frank Lambert
US607270TYPE WRITING MACHINE24. September 189612. Juli 1898Eugene Pastre & Frank Lambert
US640208TYPE WRITER2. April 18982. Januar 1900Frank Lambert
US693435TYPE WRITER5. März 190118. Februar 1901Eugene R. Pastre

Literatur zur Lambert:

  • P. Robert, A Splendid Anachronism, in: P. Robert / F. Mantelli / R. Milton / P. Weil, The Typewriter Sketchbook, The Virtual Typewriter Museum 2007 (e-edition)
  • P. Robert, The Lambert Variations, in: P. Robert / F. Mantelli / R. Milton / P. Weil, The Typewriter Sketchbook, The Virtual Typewriter Museum 2007 (e-edition)
  • First Look At Frank Lambert, in: ETCetera, #19, June 1992, S. 7 [Das erste Photo von Frank Lambert, das in einer Schreibmaschinenzeitschrift veröffentlicht wurde]
  • A. Cramer, with A. Koenigsberg, Lambert’s Voice!, in: ETCetera, #21, December 1992, S. 4-6.
  • P. Muckermann, Die Geschichte der LAMBERT [Haben Sie diese Publikation? Ich suche sie]. Dazu die Book Review in ETCetera, #24, September 1993, S. 10

Weitere Lamberts im Netz:

(c) G. Sommeregger, typewriters.ch 2015

Created 2015-05-31, last update 2015-06-01.

Notes:

  1. R. Messenger, ozTypewriter, 9 January 2013, On This Day in Typewriter History: The Lambert Waltzes, url: http://oztypewriter.blogspot.ch/2013/01/on-this-day-in-typewriter-history_9.html  (abgerufen am 1. Juni 2015)
  2. In P. Roberts Artikel „A Splendid Anachronism“, in: P. Robert / F. Mantelli / R. Milton / P. Weil, The Typewriter Sketchbook, The Virtual Typewriter Museum 2007 (e-edition), wird Pastre als Anwalt von Lambert bezeichnet. Dies trifft aber bei genauerem Blick auf die Patentschriften nicht zu (es wird etwa in US Patent 607270 als Erfinder „Eugene Pastre and Frank Lambert“ genannt, gefolgt von „By their attorney Edith [] Griswold“, also repräsentiert von deren Anwalt Edith Griswold, wodurch Pastre logischerweise nicht selbst der Anwalt ist). Abgesehen davon hat R. Messenger darauf verwiesen, dass Pastre Uhrmacher von Beruf war, s. oben.
  3. Typewriter Topics, Vol. VI, No. 2, June 1907, S. 57.
  4. Typewriter Topics, Vol. XVIII, No. 3, July 1911, S. 172.
  5. Michael Street Brooks, The First Portable Typewriters, in: Historische Bürowelt, Nr. 9, April 1985, S. 16-20.
  6. G. Espitallier, Une nouvelle machine à écrire, in: La Nature, 1906, S.136 – 138, on-line via http://cnum.cnam.fr/CGI/redir.cgi?4KY28.69 (besucht am 31. Mai 2015)
  7. Francis Dumélier, Louis Poyet, graveur de la seconde moitié du XIX° siècle, url: http://www.fondsphotographiquepoyet.fr/louis.poyet.graveur.html (besucht am 31. Mai 2015) 
  8. Eintrag Schreibmaschine, in: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 18. Leipzig 1909, digital via zeno.org, url: http://www.zeno.org/Meyers-1905/B/Schreibmaschine (besucht am 31. Mai 2015).
  9. Eintrag Schreibmaschine, in: Lueger, Otto: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften, Bd. 7 Stuttgart, Leipzig 1909., S. 808-813, digital via zeno.org, url: http://www.zeno.org/Lueger-1904/A/Schreibmaschine; Eintrag Schreibmaschine, in: Brockhaus‘ Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 2. Leipzig 1911., S. 655., digital via zeno.org, url: http://www.zeno.org/Brockhaus-1911/A/Schreibmaschine (besucht am 31. Mai 2015)
  10. A. Cramer, with A. Koenigsberg, Lambert’s Voice!, in: ETCetera, #21, December 1992, S. 4-6.
  11. S. dazu G. Sage, Cylinder of the Month. Experimental Talking Clock, on-line auf http://www.tinfoil.com/cm-0101.htm (besucht am 1. Juni 2015)
  12. Wikipedia contributors, Eintrag Frank Lambert (inventor), in: Wikipedia, The Free Encyclopedia, http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Frank_Lambert_(inventor)&oldid=662719241 (besucht am 1. Juni 2015).
  13. G. Sage, Cylinder of the Month. Experimental Talking Clock, on-line auf http://www.tinfoil.com/cm-0101.htm (besucht am 1. Juni 2015)
  14. R. Messenger, ozTypewriter, 9 January 2013, On This Day in Typewriter History: The Lambert Waltzes, url: http://oztypewriter.blogspot.ch/2013/01/on-this-day-in-typewriter-history_9.html  (abgerufen am 1. Juni 2015)
  15. R. Messenger, ozTypewriter, 9 January 2013, On This Day in Typewriter History: The Lambert Waltzes, url: http://oztypewriter.blogspot.ch/2013/01/on-this-day-in-typewriter-history_9.html  (abgerufen am 1. Juni 2015)
  16. http://us-census.mooseroots.com/l/34909061/Anthony-Pastre (besucht am 1. Juni 2015)
  17. Find A Grave, Eintrag „Eugene R. Pastre“, Memorial# 58395089, hinzugefügt von T.V.F.T.H. am 8. September 2010, Birth: unknown Death: Feb., 1917 Burial: Green-Wood Cemetery Brooklyn, Kings County (Brooklyn), New York, USA, Plot: Lot 5499, Section 2,
    http://www.findagrave.com/cgi-bin/fg.cgi?page=gr&GSln=Pastre&GSiman=1&GScid=64718&GRid=58395089& (abgerufen am 1. Juni 2015)