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Die Schreibmaschine in der Türkei

„Die Schreibmaschine erfreut sich erst in Konstantinopel und den anderen grösseren Hafen- und Handelsstädten der Türkei weiterer Verbreitung. In der Provinz ist sie höchstens in den Bankfilialen anzutreffen. Vor Jahren war ihre Einfuhr in das Reich sogar verboten. Nach Bagdad beispielsweise ist die erste Schreibmaschine als landwirtschaftliche Maschine eingeschmuggelt worden. Die ersten in der Türkei gebrauchten Schreibmaschinen waren Remington-Schreibmaschinen und wurden vor ungefähr 20 Jahren von der Kaiserlichen Ottomanbank eingeführt.

Nach den Ausweisen der Zollverwaltung sind vom 14. März 1907 bis 13. März 1908 – neue Angaben liegen nicht vor – nach Konstantinopel Schreibmaschinen eingeführt worden aus:

  kg Frcs.
England…… 1440 107 693
Frankreich… 1025 11 842
Deutschland.. 928 48 008
Holland…… 663 1 732
Rumänien…. 282 6 704
Belgien…… 100 8 600
Oesterreich… 18 2 600
  zus. 4456 kg zus. 187 179 Frcs.

Diese Aufstellung will nicht viel besagen. Der hauptsächlichste Schreibmaschinen-Lieferant, die Vereinigten Staaten von Amerika, fehlt ganz, die Sendungen von dort sind unter Deutschland, Frankreich, Holland und Belgien enthalten. Rumänien erzeugt gar keine Schreibmaschinen und die aus Holland sind alte Maschinen.

Die hiesige französische Handelskammer schätzt den Verkauf von Schreibmaschinen auf dem Konstantinopler Platze auf 350–400 Stück jährlich. Einige davon gehen in die Provinz weiter. Saloniki und Smyrna versorgen sich unmittelbar von den Fabriken. Bei der langen Haltbarkeit der Maschinen ist an eine Zunahme der Einfuhr nicht zu denken, wenn sich auf dem Platze nicht ein grosser Vorrat anhäufen soll. Diejenigen Aemter und Kaufleute, die u. a. als Abnehmer von Schreibmaschinen in Betracht kommen, sind zum grössten Teil schon versorgt, und für die türkischen Aemter gibts keine Schreibmaschine. Die türkische Schrift mit ihren drei verschiedenen Buchstabenformen – für den Anfang, die Mitte und das Ende des Wortes – eignet sich nicht (oder doch nur sehr schwer) für die Wiedergabe mit der Schreibmaschine. Dagegen gibt es Maschinen für die griechische, armenische und bulgarische Schrift. Der Absatz von Schreibmaschinen kann höchstens noch unter den Privatleuten und an den Schulen vergrössert werden.

Die meisten Maschinen kommen aus Amerika, und zwar: Remington, Hammond, Underwood, Oliver, Smith Premier, Monarch, Royal, Fay-Shole (sic!) usw. Englische Maschinen sind Yost, Empire, deutsche Adler, Continental, Blickensderfer, französische Dactyle.

Die Remington-Maschine beherrschte früher den Platz, hat aber durch das Aufkommen neuer Marken viel verloren, steht aber trotzdem noch immer an der Spitze. Man kauft nur Maschinen mit sichtbarer Schrift. Die deutschen Maschinen sind sehr beliebt, es wird aber verlangt, dass sie auch die französischen Schriftzeichen, die den deutschen fehlen, wie ç, â usw., enthalten, weil französisch die allgemeine Verkehrssprache ist.

Die Preise schwanken zwischen 24–28 Pfund (zu 18,65 Mark) für die grossen und 12–20 Pfund für die kleineren Maschinen. Hammond liefert Schriftzeichen für drei Sprachen, jede Sprache mehr erhöht den Preis um 3/4 Pfund, jede weniger vermindert ihn um ein Pfund. Auf den Schreibmaschinen ruhen grosse Spesen; nämlich 11 v. H. Einfuhrzoll, die beträchtlichen Kosten der Auswertung, die Transportspesen in der Stadt, um die Maschinen Kauflustigen zum Probieren ins Haus zu schicken, Unterhaltungsspesen, Reklamen usw. Der Verdienst der Händler ist nicht gross und überschreitet im Durchschnitt kaum 10–12 v. H.

Die wundeste Stelle des Schreibmaschinenhandels sind die Reparaturen. Es gibt nur sehr wenige Agenten, die selbst Mechaniker sind oder einen solchen in ihren Diensten haben  und die alle Reparaturen schnell und sorgfältig ausführen können. Die anderen Agenten müssen sich an Uhrmacher, Klempner usw. wenden, die eine Schreibmaschine so reparieren, dass eine neuerliche Reparatur sofort wieder vorgenommen werden muss. Solche Maschinen sind natürlich bald gebrauchsunfähig.

Das Schreibmaschinenzubehör kommt zumeist aus Oesterreich, dann aus Deutschland, Amerika und England. Von den Farbbändern werden aus Ersparungsrücksichten mit Vorliebe die billigen gekauft, dass durch sie die Maschine leidet, beachtet der Käufer nicht. Um eine halbe Mark an einem Band zu sparen, opfert er eine Maschine, die 400 Mark kostet. Das erste Maschinenschreibpapier kam mit der Remington-Maschine hierher, es war sehr teuer. Später lieferten die Franzosen billigeres, dabei ebenfalls gutes. Jetzt gibt es eine grosse Auswahl von Maschinenschreibpapier.

Das Maschinenschreiben wird auch schon in den hiesigen fremden Schulen gelehrt; auch die deutsche Realschule hat es, als eine der letzten, in ihren Lehrplan aufgenommen. Die Ergänzung des Maschinenschreibens bildet die Stenographie, die jetzt gleichfalls fleissig geübt wird. Von einem jungen Kaufmann verlangt man beide Fertigkeiten, ausserdem genügende Kenntnisse in der französischen Sprache, um auch französische Briefe auf der Maschine schreiben zu können. Die hiesigen fremden Kaufleute wünschen sich sehnlich eine Schreibmaschine mit türkischen Schriftzeichen, um Eingaben an die Regierung nett und deutlich schreiben zu können. Heute müssen sie sich einen eigenen türkischen Schreiber halten.

Gustav Herlt

Quelle: Schreibmaschinen-Zeitung Hamburg, Nr. 148, 15. Oktober 1910, S. 302

Schreibmaschine Radio

Schreibmaschine Radio, #970, Sammlung typewriters.ch 2017

Eine nervenschonende Maschine

„Leicht im Anschlag. Äusserst ruhig im Gang. Neuartig durch ihre Segmentumschaltung. Schmuck im Aufbau u. Äusseren, ist die ’nervenschonende Radio'“ 1

So wurde die Radio in der zeitgenössischen Werbung von 1930 angepriesen. In der Tat versprüht die Schreibmaschine „Radio“ dezenten Charme – zunächst schon durch ihren auffälligen Namen. Charmant wirken auch die geschwungenen „Wimpern“, die sich als funktional als Kolonnenstellhebel (links) und Rück“taste“ (rechts) entpuppen. Das am Frontblech rechts und links vom Typenkorb angebrachte Logo erscheint modern-abstrakt, auf den ersten Blick gezackte blaue und rote Linien auf weissem kreisrundem Feld, bei näherer Betrachtung entschlüsseln sich diese als im 90 Grad-Winkel übereinander gelegte und miteinander verflochtene rote und blaue grosse „H“s.

Radio #970

Schreibmaschine Radio, #970, Sammlung typewriters.ch 2017

Das hier vorgestellte Exemplar der Radio hat die Seriennummer 970. Beim Bedienen bemerkt man erfreut, dass die Maschine eine Segmentumschaltung hat, somit beim Umschalten auf Grossbuchstaben nicht die Walze angehoben wird, sondern der Typenkorb gesenkt wird, was deutlich weniger Kraft von den kleinen Fingern verlangt. Wenn das Farbband sich zu Ende neigt, erscheint wie von Zauberhand am Fuss der entsprechenden rechten oder linken Farbbandverkleidung ein rotes Plättchen – Zeit, die Farbbandspulenumschaltung zu betätigen. Es ist dies ein kleiner Hakenschalter rechts und links auf der Maschine, s. die untenstehende Illustration im „Brauner“.

ein rotes Metallplättchen zeigt das Farbbandende auf
Radio-Schreibmaschine, in: Ludwig Brauner, Illustriertes Büromaschinen-Dauer-Lexikon, Organisation Verlagsgesellschaft m.b.H. (S. Hirzel), 1926 [mit mehreren Nachträgen bis 1932], 3. Nachtrag, August 1927.
Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
gescannt von typewriters.ch

Was uns noch angenehm auffiel war, dass die Walze mit einfachem Ausschrauben des rechten Walzenknopfs leicht abnehmbar ist. Nicht, dass man dies alle Tage tut. Dem vorliegenden Exemplar würde allerdings ein neuer Walzenbezug beträchtlichen Vorteil verschaffen. Angesichts des Preises schiebe ich diese Renovation aber hinaus und spanne stattdessen eine Tippunterlage zum Papier, oder aber doppeltes oder dreifaches Blatt ein. Das federt die Schläge ganz gut ab.

Die ausgebaute Walze gibt den Blick auf die einzelnen Papierandruckrollen frei

Mit nur wenig Anschlagskraft ist der Buchstabe auch schon auf dem Papier. Die Segmentschaltung tut ihr Übriges zum leichten Schreiben. Positiv hervorzuheben ist auch die schon in der einschlägigen Literatur angemerkte „grosse Geräuschlosigkeit“ der Maschine. 2 Es tippt sich auf der Radio also im Vergleich zu anderen Standardmaschinen recht leise. Die technische Erklärung dazu liefert magistral Dr. Rolf: „Eine Funktionsüberprüfung ergab, dass [die grosse Geräuschlosigkeit] nicht auf einen weicheren Typenaufschlag, sondern auf ein verringertes Wagenschrittgeräusch zurückzuführen ist.[…] Der Wagen bewegt sich bereits während des Tastenanschlages etwa um ein Drittel des Schrittes weiter, bei Freigabe der Taste um die restlichen zwei Drittel. So wird das starke Stossgeräusch des einen Gesamtschrittes zu zwei wesentlich geringeren Geräuschen der beiden Teilschritte reduziert.3

Das Schriftbild, genauer gesagt die Zeilengeradigkeit, ist „verbesserungsfähig“. Der Buchstabe „H“ hängt deutlich. Mir fehlt die Zeit und wohl auch das Wissen, dies zu justieren. 

Schriftprobe der Radio #970, Sammlung typewriters.ch 2017

Der Name Radio

Woher kommt eigentlich der Name „Radio“? Herr Schubert erinnert uns, dass „Radio“ sich vom lateinischen für „Strahl, strahlen“ ableitet. 4 Somit würde uns die Maschine in der 1. Person Singular Präsens „ich strahle“ zurufen.

Ich habe keine gesicherte Quelle zur Namensgeschichte der Radio, auch zeitgenössische Quellen wie z.B. Ernst Martin sagen dazu nichts. Wenn wir aber das Erscheinungsjahr 1926 in Betracht ziehen, fällt uns dazu ein, dass die 1920er Jahre eine erste Hochzeit des Rundfunks waren: „Im deutschsprachigen Raum begann der Rundfunkbetrieb 1920 zuerst in der Schweiz und Deutschland mit Testsendungen, erste regelmäßige Programmausstrahlungen folgten Ende 1922 und Anfang 1923 durch zwei schweizerische Flugplatzsender, im Herbst 1923 mit der reichsdeutschen Funk-Stunde Berlin und im Oktober 1924 mit der österreichischen RAVAG in Wien.5

Somit vermute ich, dass sich die „Radio“ direkt auf den damals brandaktuellen und dementsprechend modern und positiv-fortschrittlich besetzten Rundfunk, das „Radio“, bezieht.

Der Erfinder

Erfunden hat die Radio Franz Herlt (1869–1937) 6. Dies erschliesst sich schon aus den Patentschriften, auf die auf der Rückseite der Maschine stolz verwiesen wird, 7 und die allesamt auf Herlt lauten.

Franz Herlt war in Hilgersdorf im sogenannten „Schluckenauer Zipfel“ in Nordböhmen, heute Severní in der  Tschechischen Republik geboren, somit ein Deutschböhme im österreichisch-ungarischen Habsburgerreich. 8 Bis 1883 besuchte er dort die Ortsschule, und begann dann im benachbarten Rosenhain eine Schlosserlehre. „Ging dann nach Deutschland, Österreich und der Schweiz, um von 1889–1891 in Leipzig sesshaft zu werden.9

Als junger Mann in den frühen 20ern, aber mit abgeschlossener solider Berufsausbildung, wanderte er 1891 in die U.S.A. aus und arbeitet dort zunächst als Mechaniker. 10 Aus dieser Anfangszeit ist ein Patent für „valve-gear for engines“ bekannt, dass er im Januar 1892 gemeinsam mit seinem Landsmann Josef Hirschmann einreichte. Die beiden lebten damals in Philadelphia, Pennsylvania. 11 Dann ging es los: „Lernte dort die Schreibmaschine kennen und war als Betriebsleiter, Konstrukteur und Konstruktionschef im Schreibmaschinenfach in Neu York, Pittsburg, Philadelphia und Chicago tätig.“ 12 

1904 kehrte er nach Deutschland zurück und war dort bis 1909 „mit 1 1/4 jähriger Unterbrechung“ wegen Krankheit, wie Ernst Martin anmerkt, bei den Adlerwerken tätig, bevor er 1910 Leiter der Firma wurde, mit der er die Radio herstellen sollte. 13 Vielleicht war dies erst 1911 der Fall. Die Schreibmaschinen-Zeitung Hamburg vermeldet dazu in ihrer Ausgabe vom 15. Mai des betreffenden Jahres: „[Die] Herren Kaufmann Conrad Siemer und Ingenieur Franz Herlt [sind] zu Vorstandsmitgliedern und Direktoren ernannt.“ Bis 1937, seinem Todesjahr, blieb er in Halle Fabriksleiter. 14

Die Concordia Maschinenbau AG

Gebaut wurde die Radio von der Concordia Maschinenbau AG in Halle an der Saale.

Ihren Ursprung hatte die Firma in einem von dem namensgebenden Herrn Gustav Krebs gegründeten Betrieb. Als Gründungsjahr gilt 1882 15. 1894/95 finden wir Gustav Krebs in einem britischen Patent als „machine manufacturer“, also Maschinenfabrikant. 16 Der Name der Firma dürfte „Werkzeugmaschinen-Fabrik Gustav Krebs“ gewesen sein. 17

Die Namen der Nachfolgefirmen tragen den Gründervater noch im Namen. Gustav Krebs blieb trotz zwischenzeitlich erfolgter Namensänderungen der Firma auch persönlich durchgehend in der Firma tätig blieb.  Aus einem britischen Patent von 1910 18, wo Gustav Krebs als  „factory manager“, also Fabriksleiter, aufgeführt ist, lässt sich dies ablesen. Erst 1911 scheidet Gustav Krebs „nach nahezu 30jähriger Wirksamkeit“ aus der Firma aus. 19 Gezählt ab 1882, waren es 29 Jahre.

Britisches Patent No. 9203

Es dürfte Ende 1898 gewesen sein, dass die Firma mit Kapitalaufstockung von 1 Million Mark in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde und nunmehr Deutsch-Amerikanische Werkzeugmaschinen-Fabrik vorm. Gustav Krebs AG hiess. 20

in: Der Mechaniker. Zeitschrift zur Föšrderung der PräŠzision-Mechanik und Optik sowie verwandter Gebiete, 5. Januar 1899

Einer Werbung von 1901 entnehmen wir, dass dieser Betrieb „Gewindeschneid-Maschinen, D.R.P., aller Sorten, auch für Massenfabrikation. Special-Maschinen für Flachgewinde, Gewindeschneidwerkzeuge, ganz vorzügliche dreibackige Schneidkluppen, Shaping-Maschinen amerikanischen Systems, Centrir-Maschinen amerikanischen Systems Schrauben-Façonbänke, Schnell-Bohrmaschinen, Special-Maschinen für Massenartikel, Revolverbänke etc.21 vertrieb. Diese Produkte, und auch Hobelbänke, wurden noch 1910 von der „Act.-Ges. vorm. Gustav Krebs“ beworben. 22 

Die Deutsch-Amerikanische Maschinenfabrik stellte ab 1908 eine Schreibmaschine her, die, wie Ernst Martin berichtet, „kurz ‚Union‚ hiess“, aus Urheberrechtsgründen dann aber als „Dea“ verkauft wurde. 23 So kurz war es vielleicht aber nicht: J[os] L[egrand] gibt mit Hinweis auf das BBR-Adressbuch von 1914 das 1911 als Jahr der Einführung des ersten Modells der Dea an. 24 Dies wiederum passt mit einem Hinweis Ernst Martins gut zusammen, der über Franz Herlt berichtet, dass dieser ab „1910“ Direktor der Deutsch-Amerikanischen Maschinenfabrik AG in Halle war, „wo er die Dea fabrikationsreif machte und die Fabrikation einrichtete.“ 25

In dieser Zeit ging auch die langjährige Ära des Firmengründers Gustav Krebs zu Ende. Im Frühjahr 1911 scheidet er als Vorstand der Firma aus. 26 An seine Stelle treten zwei neue Vorstandsmitglieder und Direktoren: der Kaufmann Conrad Siemer und Ingenieur Franz Herlt 27, der Erfinder der Radio.

in: Schreibmaschinen-Zeitung Hamburg, 15. Mai 1911

In obenstehender Notiz vom Mai 1911 wird die Firma als „Deutsch-Amerikanische Werkzeugmaschinen-Fabrik vorm. Gustav Krebs A.-G.“ geführt. Ernst Martin erwähnt, dass sie „später“ 28 zur „AG., vorm. Gust. Krebs“ wurde. Den genauen Zeitpunkt müsste man noch feststellen. 29

Der Bau der Dea wurde 1914 eingestellt. 30  Wieder nach Ernst Martin wurde die Firma 1917 31 in „Concordia Maschinenbau AG“ umbenannt. 

Modellfolge

Der Bau von Schreibmaschinen sollte erst Mitte der 1920er Jahre wieder aufgenommen werden. Seit 1910 oder 1911 war Franz Herlt Leiter der Fabrik. Auf seinen Namen lauten auch die Patente für das Projekt der neuen Schreibmaschine, die im Juni 32 und November 33 1921, sowie im Juni 1922 34 beantragt wurden. 

Es hat danach aber noch vier Jahre gebraucht, bis die neue Maschine auch in Produktion ging. 1925 sollte es soweit sein:

Ernst Martin berichtet, dass die Radio „Ende 1926“ 35 erschien, und dann bis 1932 gebaut wurde. 36 

Wieder nach Ernst Martin erschien die Radio von 1926 „später als Concordia.“ 37 Dr. Lutz Rolf berichtet, dass nach dem Handbuch der Büromaschinen die Maschine bereits seit 1925 auf dem Markt war, vorher Concordia hiess und dann den Namen Radio erhielt. 38 Nach der im kartaalblad vor de schrijfmachineverzamelaar wiedergegebenen Abbildung der Concordia zu urteilen handelt es sich im Wesentlichen um dieselbe Maschine. 39

Somit ist es wahrscheinlich, dass die „Radio“ schon im Jahr 1925 als „Concordia“ das Licht der Werkstatt erblickte – nicht zu verwechseln übrigens mit der von der Clemens Müller AG hergestellten „Concordia“, die eine unter anderem Namen von L.C. Smith vertriebene Urania 8 Schreibmaschine ist. 40

Die Beschreibung der „Radio“in der klassischen Literatur, sprich dem „Martin“, liest sich dahingehend, dass die „Radio“ (und auch die „Concordia“) ein Nachfolgemodell der von derselben Firma ab 1908 gebauten „Dea“ sei. 41 Wie aber Dr. Lutz Rolf vermerkt, zeigt schon der erste Augenschein, dass die Radio eine „völlig unabhängige Neukonstruktion“ ist. 42

Neben dem Grundmodell ohne Sonderausstattung gab es die Radio auch in der Ausführung mit Kolonnensteller, und eine mit Dezimaltabulator. 43

Für eine detaillierte technische Untersuchung, Beschreibung und Bewertung verweisen wir auf den von Dr. Lutz Rolf verfassten und 1993 in der „Historischen Bürowelt“ erschienenen Artikel „Radio“. 44

Die steile Tastatur der Radio. Eine bemerkenswerte Anzahl von Schrauben ziehren diese Breitseite.

Die von Dr. Rolf untersuchten Maschinen #1764 und #514 haben beide einen vertikal ausgerichteten Wagenfreilaufhebel, sowie eine QWERTZ (deutsche) Tastatur, bei der sich die Umschalttasten in der zweiten Tastenreihe (von unten, also der Leertaste aus gezählt) befinden. Dies entspricht auch den Abbildungen in einer vom Hersteller veröffentlichten Broschüre 45, sowie im schon oben gezeigten „Brauner“. 46

Effektiv lassen sich innerhalb der Baureihe über die gesamte Produktionszeit 1926–1932 nur geringe Variationen entdecken. Gerade bei der Form des Wagenfreilaufhebels und der Position der Umschalttaste gibt es aber eine Variation: so gibt es Exemplare, wie die hier vorgestellte #970, bei der der Wagenfreilaufhebel geknickt, und somit leichter bedienbar ist. Betreffend die Position der Umschalttaste gibt es Exemplare, auch wie auf der #970 zu sehen, auf denen die Umschalttasten in der ersten Reihe positioniert sind.

Tastatur der Radio #970. Die französische Abfolge „AZERTY“ scheint auf einer grundlegend deutschen Tastatur aufgepfropft.

Die grosse Mehrzahl der bekannten Exemplare der Radio haben eine deutsche QWERTZ-Tastatur. Wie die hier vorgestellte Maschine zeigt, gab es aber auch „AZERTY“ Radios, d.h. mit französischer Tastaturbelegung. Zumindest eine rein französische Tastatur ist bekannt, diejenige meiner #970 ist eine seltsame Mischform, in der sich innerhalb einer grundlegend deutschen Tastatur – beachte die Umlaute und die Bezeichnung „UMSCHALTER“ rechts sowie die Werbemarke von Büromaschinen A. Koch in Lippstadt auf der linken Umschalttaste – die französische Abfolge „AZERTY“ hineingeschmuggelt scheint. Maschine #970 wurde in Belgien verwendet, was diese Mischform erklären mag.

Aus den bekannten Tastaturen lässt sich bisher ablesen, dass der Grossteil innerhalb Deutschlands (oder deutschsprachigen) Ländern verkauft wurde, ein geringer Export aber wohl auch nach Frankreich stattfand. Wir warten noch auf Tastaturen aus anderen Ländern…

Technische Daten

Beschreibung Standardschreibmaschine mit Typenhebeln, einfacher Segmentumschaltung, 46 Tasten mit 92 Zeichen main charakteristics
Herstellerfirma Concordia Maschinenbau A.G. Manufacturer
Fabrikationsort Halle a. S., Deutschland Place of production
Produktionszeitraum 1925 (als „Concordia“) 47/1926 (als „Radio“) – 1932 production period
Erfinder Franz Herlt (1869–1937) 48 inventor
Patente
  • DE377034, Franz Herlt, Umschaltbarer Segmentträger für Schreibmaschinen mit Vorderanschlag der Typenhebel, patentiert 8. Juni 1921, Ausgabe 9. Juni 1923]
  • DE385648, Franz Herlt, Zwischenhebellager für Schreibmaschinen mit Vorderanschlag, patentiert 8. Juni 1922, Ausgabe 27. November 1923
  • DE387764, Franz Herlt, Zeigeranordnung für die Wagenskala von Schreibmaschinen, patentiert 24. November 1921, Ausgabe 7. Januar 1924
  • DE391506, Franz Herlt, Papierzuführvorrichtung für Schreibmaschinen, patentiert 30. Juni 1921, Ausgabe 8. März 1924
patents
Farbband zweifarbig, 13 mm ribbon
Ausführungen
  • normale Maschine ohne Sondereinrichtungen
  • mit Kolonnensteller
  • mit Dezimaltabulator 49
available configurations

Seriennummern

Die bisher bekannten Seriennummern liegen im Bereich von 504 (niedrigste bekannte Nummer) bis 1977 (höchste). 50 Der Produktionszeitraum war 1926 bis 1932. Mir ist keine Altersliste bekannt, nach der man die Seriennummer einem genauen Baujahr zuordnen kann.

Da die Nummernfolge der bekannten Maschinen keine grossen oder auffälligen Lücken aufweisen, wären somit knapp 1500 Maschinen nachgewiesen. Die Radio war somit kein grosser Verkaufserfolg beschieden, und es verwundert nicht, dass sie heute selten zu finden ist.

Literatur

  • Radio-Schreibmaschine, in: Ludwig Brauner, Illustriertes Büromaschinen-Dauer-Lexikon, Organisation Verlagsgesellschaft m.b.H. (S. Hirzel), 1926 [mit mehreren Nachträgen bis 1932], 3. Nachtrag, August 1927
  • Jos Legrand, Schrijfmachine-abr: Radio, in: kwbl [kwartaalblad voor de schrijfmachineverzamelaar], 5.3, November 1989, S. 42–45 // Ergänzungen in: kwbl 6.3, Mai 1991, S. 12f.; kwbl 6.4, September 1991, S. 11f.
  • Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 232f.
  • Dr. Lutz Rolf, „Radio“, in: Historische Bürowelt, No. 36, Dezember 1993, S. 27–31

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© typewriters.ch 2017 // erstellt am 13. April 2017 – letzter Update 17. April 2017 // vielen Dank für Kommentare oder Korrekturen

 

Notes:

  1. Werbeanzeige Radio, 1930, Quelle und Datierung: Schreibmaschinenmuseum Peter Mitterhofer, Inventarnummer H0674
  2. Dr. Lutz Rolf, „Radio“, in: Historische Bürowelt, No. 36, Dezember 1993, S. 27–31, auf S. 29, mit weiterem Nachweis; Werbeanzeige Radio, 1930, Quelle und Datierung: Schreibmaschinenmuseum Peter Mitterhofer, Inventarnummer H0674
  3. Dr. Lutz Rolf, „Radio“, in: Historische Bürowelt, No. 36, Dezember 1993, S. 27–31, auf S. 29
  4. R. Schubert, Sächsische Schreibmaschinen, Seite Neuzugänge, http://typewriterschubert.magix.net/neuzugaenge.44.html (abgerufen am 10. April 2017)
  5. Seite „Radio“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 10. April 2017, 10:47 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Radio&oldid=164415531 (Abgerufen: 10. April 2017, 15:15 UTC)
  6. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 462
  7. D.R.P.e 377034 [Umschaltbarer Segmentträger für Schreibmaschinen mit Vorderanschlag der Typenhebel, patentiert 8. Juni 1921, Ausgabe 9. Juni 1923], 385648 [Zwischenhebellager für Schreibmaschinen mit Vorderanschlag, patentiert 8. Juni 1922, Ausgabe 27. November 1923], 387764 [Zeigeranordnung für die Wagenskala von Schreibmaschinen, patentiert 24. November 1921, Ausgabe 7. Januar 1924], 391506 [Papierzuführvorrichtung für Schreibmaschinen, patentiert 30. Juni 1921, Ausgabe 8. März 1924], D.R.G.M. 794460, 794461, 794462, 912178 auf Radio #970, Sammlung G. Sommeregger 2017
  8. US Patent No. 475942, F. Herlt & J. Hirschmann, Valve gear for engines, Anmeldung 16. Januar 1892, patentiert 31. Mai 1892, führt ihn und seinen Miterfinder Josef Hirschmann als Untertanen des Kaisers von Österreich-Ungarn auf; auf einem englischen Patent GB272188, application date 16. Mai 1927, accepted 2. August 1928, wird Franz Herlt als tschechoslowakischer Staatsbürger aufgeführt.
  9. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 462
  10. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 462
  11. US Patent No. 475942, F. Herlt & J. Hirschmann, Valve gear for engines, Anmeldung 16. Januar 1892, patentiert 31. Mai 1892
  12. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 462
  13. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 462
  14. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 462
  15. Annonce „Radio die neue Schreibmaschine“, 1926, Quelle und Datierung: Schreibmaschinenmuseum Peter Mitterhofer, Inventarnummer H0673
  16. Britisches Patent No. 21943, Improvements in Roofing Tiles, and the Machinery for the Manufacture of the same,  date of application 13th November 1894, accepted 14th September 1895
  17. Quelle: Der Mechaniker, Zeitschrift zur Förderung der Präzisions-Mechanik und Optik sowie verwandter Gebiete, 5. Januar 1899
  18. Patent No. 9203, Gustav Krebs, Improvement in or relating to the Inking-ribbon Mechanik of Typewriters, Application date 15th April 1910, accepted 23rd March, 1911
  19. Schreibmaschinen-Zeitung Hamburg, 15. Mai 1911
  20. Quelle: Der Mechaniker, Zeitschrift zur Förderung der Präzisions-Mechanik und Optik sowie verwandter Gebiete, 5. Januar 1899; Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 232, spricht von der Deutsch-Amerikanische[n] Maschinenfabrik vorm. Gust. Krebs, Patent CH51465, 15. April 1910 aber Deutsch-Amerikanische Werkzeugmaschinen-Fabrik vorm. Gustav Krebs AG
  21. Werbeanzeige Deutsch-Amerikanische Werkzeugmaschinen-Fabrik, 1901, Quelle und Datierung: delcampe.net
  22. Werbeanzeige Act.-Ges. vorm. Gustav Krebs, 1910, Quelle und Datierung: delcampe.net
  23. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 232
  24. J[os] L[egrand], in: kwbl. dutch Q, kwartaalblad voor de schrijfmachineverzamelaar, 6.4, September 1991, S. 12
  25. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 462
  26. Schreibmaschinen-Zeitung Hamburg, 15. Mai 1911
  27. Schreibmaschinen-Zeitung Hamburg, 15. Mai 1911
  28. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 232
  29. Diese Firmenbezeichnung findet sich auf einer von delcampe.net auf 1910 datierten Werbeanzeige. Werbeanzeige Act.-Ges. vorm. Gustav Krebs, 1910, Quelle und Datierung: delcampe.net
  30. J. Legrand nennt den 1. Juli 1914 als Datum der letzten ihm bekannten Werbeanzeige für die Dea. Jos Legrand, Schrijfmachine-abr: Radio, in: kwbl [kwartaalblad voor de schrijfmachineverzamelaar], 5.3, November 1989, S. 42–45, auf S. 44
  31. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 232
  32. DE377034, Umschaltbarer Segmentträger für Schreibmaschinen mit Vorderanschlag der Typenhebel, patentiert 8. Juni 1921, Ausgabe 9. Juni 1923; DE391506, Papierzuführvorrichtung für Schreibmaschinen, patentiert 30. Juni 1921, Ausgabe 8. März 1924.
  33. DE387764, Zeigeranordnung für die Wagenskala von Schreibmaschinen, patentiert 24. November 1921, Ausgabe 7. Januar 1924
  34. DE385648, Zwischenhebellager für Schreibmaschinen mit Vorderanschlag, patentiert 8. Juni 1922, Ausgabe 27. November 1923
  35. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, 5. Auflage, 1934, S. 510
  36. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, 5. Auflage, 1934, S. 510
  37. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 233
  38. Dr. Lutz Rolf, „Radio“, in: Historische Bürowelt, No. 36, Dezember 1993, S. 27–31, auf S. 28, mit weiterem Nachweis
  39. Jos Legrand, Schrijfmachine-abr: Radio, in: kwbl [kwartaalblad voor de schrijfmachineverzamelaar], 5.3, November 1989, S. 42–45, auf S. 44
  40. Vgl. hierzu A. Betzwieser, Kleine Ausstellung „Historische Bürotechnik“, Eintrag Concordia, http://www.stb-betzwieser.de/aktuelles/ausstellung/kategorien-1/concordia.php (abgerufen am 15. April 2017)
  41. Ernst Martin, Die Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte, Aachen 1949, S. 232f.
  42. Dr. Lutz Rolf, „Radio“, in: Historische Bürowelt, No. 36, Dezember 1993, S. 27–31, auf S. 28
  43. Radio-Schreibmaschine, in: Ludwig Brauner, Illustriertes Büromaschinen-Dauer-Lexikon, Organisation Verlagsgesellschaft m.b.H. (S. Hirzel), 1926 [mit mehreren Nachträgen bis 1932], 3. Nachtrag, August 1927
  44. Dr. Lutz Rolf, „Radio“, in: Historische Bürowelt, No. 36, Dezember 1993, S. 27–31
  45.  Concordia Maschinenbau Akt. Ges., Die „Radio“ ein Standard-Fabrikat für Büro und Privat, Prospekt Nr. 2, s.d., Quelle: Schreibmaschinenmuseum Peter Mitterhofer 2017, Inventarnummer D055
  46. Radio-Schreibmaschine, in: Ludwig Brauner, Illustriertes Büromaschinen-Dauer-Lexikon, Organisation Verlagsgesellschaft m.b.H. (S. Hirzel), 1926 [mit mehreren Nachträgen bis 1932], 3. Nachtrag, August 1927, Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017, gescannt von typewriters.ch
  47. s. oben
  48. s. oben
  49. Radio-Schreibmaschine, in: Ludwig Brauner, Illustriertes Büromaschinen-Dauer-Lexikon, Organisation Verlagsgesellschaft m.b.H. (S. Hirzel), 1926 [mit mehreren Nachträgen bis 1932], 3. Nachtrag, August 1927
  50. Privatkorrespondenz T.F., April 2017

Hermes Baby Schriften

Welche Schriftart und Schriftgrösse ist auf meiner Hermes Baby Schreibmaschine montiert? Mit dem folgenden Beitrag versuche ich, einen Überblick über die auf Hermes Baby Schreibmaschinen montierten Schriftsätze zu geben. Die Darstellung ist noch lückenhaft. Weiterführendes Material und Quellen werden gerne entgegengenommen (e-mail).

Von „Pica“ und „Elite“

Wenn die Sprache auf Schreibmaschinenschriften kommt, ist oft die Rede von „Pica“ und „Elite„. Pica sei die normale, etwas grössere Schrift, und Elite die etwas kleinere Schrift.  Tatsächlich ist der Grossteil der Schreibmaschinen  entweder mit der einen, oder der anderen ausgerüstet, wobei nach Gefühl des Schreibmaschinensammlers Pica klar überwiegt. Was bedeutet das nun aber?

„Pica“ und „Elite“ bezeichnen einerseits die Schriften selbst, sind also Schriftnamen. Andererseits hatte es sich eingebürgert, mit „Pica“ und „Elite“ Kategorien von Schriftgrössen zu bezeichnen. Man kann auch Schriftdichte dazu sagen. Es geht darum, wie „dicht“ die getippten Buchstaben beieinander stehen.

Aus der englischsprachigen Tradition wurde die Schriftdichte in „characters per inch“, oder Zeichen pro Zoll, abgekürzt CPI, ausgedrückt. Pica ist hier eine Schrift, bei der 10 Zeichen auf ein Zoll, also 2.54 Zentimeter, kommen. Pica somit 10 CPI. Elite ist mit 12 CPI etwas kleiner – zwei Zeichen mehr passen auf einen Zoll.

In der deutschsprachigen oder kontinentalen Tradition werden zwar die Ausdrücke „Pica“ und „Elite“ verwendet, zusätzlich wird aber in den Werksangaben und Werbeunterlagen der sogenannte „Wagenschritt“ angegeben, also die Distanz, die der Wagen bei jedem Anschlag weiterrückt. Je grösser der Wagenschritt, desto weniger Zeichen passen auf ein Zoll, desto grösser ist also die Schrift. Eine Pica-Schrift hat traditionell einen Wagenschritt um 2.5 mm, eine Elite-Schrift um 2 mm.

Wie gross die auf Ihrer Hermes Baby Schreibmaschine montierte Schrift ist, ob sie also in die Kategorie „Pica“ oder „Elite“ fällt, können Sie übrigens zu Hause leicht feststellen, indem Sie auf Millimeterpapier tippen und dann zählen, wie viele Zeichen auf ein Zoll = 2.54 cm passen.

Hermes Baby no. 5717552, © S. Wendt 2017

Das „d“ von „guten Zustand“ im Beispielsbild überschreitet die 2.5 cm. Das wären fast 13 Zeichen pro Zoll. Wenn man es auf eine „saubere“ Einheit herunterbrechen will, sind rein rechnerisch mit einem Wagenschritt von 2mm die 2.54 Zentimeter des Zolls nach 12.7 Zeichen voll (2.54 / 0.2 = 12.7).  

Wir sind nicht genau bei 12 CPI, aber im Nahbereich. Somit liegt der Schluss nahe, dass „Elite“ und „Pica“  Richtgrössen sind, die aber kleine Abweichungen je nach Schrift zulassen.

Schriftarten der Hermes Baby

Nun aber zur Hermes Baby. Im Lauf der fast 50jährigen Produktionszeit erweiterten sich die Optionen für Hermes Baby Schriften.

1935 wurde die Hermes Baby, soweit mir bekannt, nur mit einer einzigen Schriftart ausgeliefert. Es war eine Pica-Schrift (10 CPI).

In einem deutschen Werbeflyer aus den 1950er Jahren 1 wird die Hermes Baby mit Pica- sowie mit Perl-Schrift angeboten. Perl-Schrift war ein im deutschen Sprachraum gebräuchliches Wort für Elite-Schrift, also 12 CPI. Auf dem Bild (Massstab nicht original) sehen Sie sehr gut den Unterschied zwischen Pica- und „Perl“-Schrift.

Hermes Baby, Flyer (Ausschnitt)

Ein undatiertes Informationsblatt 2 gibt drei verfügbare Schriften für die Hermes Baby an: Script (Wagenschritt 2mm), Elite (2mm), und Pica (2.5mm). Es muss aus der Zeit nach 1968 stammen, denn seit diesem Jahr war die Schrift „Script“ für die Hermes Baby erhältlich. 3

Auf einem undatierten, aber schon mit dem „HPI“, also Hermes Precisa International Logo versehenen Blatt, somit aus der Zeit nach 1974 stammend, sind vier Schriftarten für die Hermes Baby ausgewiesen. Neben den erwähnten drei kommt hier noch die „Techno-Pica“ hinzu:

Hermes Baby Elite Schrift
Hermes Baby Pica Schrift
Hermes Baby Script Schrift
Hermes Baby Techno-Pica Schrift

Auch in den 1970er Jahren ist somit die Auswahl an Hermes Baby Schriften sehr überschaubar – es dürfte Ihnen also kein Problem machen, Ihre Schrift zu identifizieren.

Abgesehen von diesen vom Hersteller der Schreibmaschine, also Paillard respektive HPI (Hermes Precisa International), eingeführten Namen der Schriften gibt es jedoch die Möglichkeit, sich am Typenhersteller zu orientieren. Dazu kann man sich mit der Lupe ansehen, was genau denn auf den Typen der Hermes Baby geschrieben steht.

Zeichen der Typenfabriken

Die Typen (also Buchstaben) der Hermes Baby Schreibmaschinen wurden fast ausnahmslos nicht von der Herstellerfirma der Schreibmaschine produziert, sondern von auf Typenherstellung spezialisierten Firmen, die dann von Paillard / HPI (oder den Firmen, welche die „Baby“ in Lizenz in anderen Ländern herstellten) für die Montage auf die Maschinen zugekauft wurden.

Die Typenhersteller markierten Ihre Produkte im Regelfall mit einem Logo oder Buchstaben, der für die Firma stand, und meistens mit einer Nummer, anhand derer sich die genaue Schriftart herausfinden lässt (so denn eine Vergleichsliste zum Entschlüsseln vorhanden ist – wieder einmal erweist sich ein gutes Archiv als unabdingbar).

Die Hermes Baby kam 1935 auf den Markt. In der Frühphase wurden die „Babys“ jeweils mit Typen der Iris Type G.m.b.H., Berlin, ausgestattet. Die 1942 gegründete Schweizerische Setag S.A. löste die Iris Type später ab. Die Ablöse fand nicht schon 1942 statt, den genauen Zeitpunkt gilt es noch zu finden -> dazu sind wir auf Befunde von existierenden Schreibmaschinen angewiesen, oder einen Glücksfund aus der Literatur. 

Als Arbeitshypothese bietet sich an, dass infolge des Kriegs die Iris Type ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr liefern konnte, und sich Paillard um eine Alternative umsah – und diese im eigenen Land vorfand. Der Bruch könnte also gegen Kriegsende geschehen sein.

In der Nachkriegszeit finden wir eine grössere Vielfalt von Typen auf in der Schweiz oder in Lizenz in England und Italien (unter anderem Namen) hergestellten Hermes Babys.

Iris Type GmbH: I 207 Typen

Hermes Baby #260855 (1942)

Bei der I 207 handelt es sich um eine Pica Schrift (10 CPI), wie die aufmerksame Zählerin auf der oberen Abbildung am Millimeterpapier feststellen kann.

Die I 207 findet sich natürlich auf in der Schweiz hergestellten Hermes Babys, aber auch auf frühen Exemplaren der englischen The Baby Empire, dem Empire Service Model, und auf den polnischen F.K. Małas.

Setag S.A.: S“6 Typen

Die S“6 heisst im Firmenkatalog „Pica“. 4 Als Wagenschritt wird für die  S“6 2.5 bis 2.6 mm angegeben. 5

Der Wechsel des Zulieferers für die Schreibmaschinencharaktere (Typen) von Iris auf Setag blieb für die Kunden kaum sichtbar  – ausser sie nahmen sich die Mühe, mit der Lupe einmal näher nachzusehen. Nachstehende Schriftproben, eine noch mit Iris Typen, die zweite schon mit Setag bestückt, scheinen scheinen auf den ersten Blick dasselbe Schriftbild zu haben.

Auf den zweiten Blick erschliessen sich aber doch einige Unterschiede, sodass die S“6 keine exakte Kopie der I 207 ist. Der Vergleich macht Sie sicher:

Klicken Sie auf die Vollversion des Bilds, und finden Sie die – doch zahlreichen – Unterschiede.

S“6 Typen finden sich auf Hermes Baby und Empire Aristocrat.

Empire Aristocrat # S2/250619 (1955), G. Sommeregger collection

Setag S.A.: S=6 Typen

Die S=6 Schrift findet sich auf einer italienischen Montana. Es sind Typen der Setag S.A. Die zwei Striche, die dem S folgen, sind allerdings waagrecht und nicht senkrecht gleich Anführungszeichen, also S=6 statt wie schon bekannt S“6. Ob es dieselbe Schrift ist, muss noch in einem genauen Schriftvergleich festgestellt werden.

Setag S.A.: S“7 Typen

Zusätzlich lieferte die Setag die S“7, „Elite“ 6. Sie ist für Wagenschritte 2 bis 2.3 mm konzipiert. 7

Hermes Baby no. 5717552, © S. Wendt 2017

Setag S.A.: S“s Typen

Die S“s Typen sind die Schriftart „Script“. 8 Sie ist für Wagenschritte 2 bis 2.3 mm konzipiert. 9

Die „Script“ war ab 1968 für die Hermes Baby erhältlich. 10

Gordon Webb & Co. Ltd.: No. 380

Empire portable #P3 07 04 (1946)

Gordon Webb & Co. war laut Information der National Archives eine Tochterfirma der Imperial Typewriter Co. Ltd. 11

In einer Zeitungsannonce sehen wir das Logo der Gordon Webb & Co. genauer. Es ist eine Hand, die einen Dreizack führt. Da dieser das Erkennungsmal des Poseidon oder auch des Triton ist, kann man eine Anspielung auf die Seemacht Grossbritannien annehmen.

in: Typewriter Topics, February 1920 (Detail)
in: Typewriter Topics, February 1920

Nachgewiesen sind Gordon Webb Typen Nr. 380 für die Empire Portable, das erste Nachkriegsmodell der englischen Hermes Baby.

Typen mit Löwenlogo und den Buchstaben FP

Empire # S2/397068 (1959). G. Sommeregger collection

Die gezeigte Empire Maschine wurde 1959 hergestellt und fällt schon in die Zeit nach dem Besitzerwechsel auf Smith-Corona-Marchand.  Auf der Type ist das Löwenlogo, sowie die Buchstaben „FP“. Wer war der Hersteller? British Typewriters Ltd. selbst (das Löwenlogo spricht dafür)? Wer Bescheid weiss, bitte melden!

Hermes Babys Made in Brazil: Olivetti Typen

Typen der in Lizenz produzierten Hermes Babys

England

The Baby Empire

Ein frühes Exemplar der „The Baby Empire“ mit der Seriennummer 2574, Baujahr ca. 1936,  ist mit Iris Typen No. 207 ausgestattet. In dieser frühen Produktionsphase wurde die Maschinenteile noch aus der Schweiz importiert, und in England nur zusammengesetzt.

Baby Empire

Empire Service Model

Das Empire Service model is mit Iris No. 107 Typen ausgestattet – dies scheint rätselhaft und könnte noch brisant werden… 

Empire

Das erste Nachkriegsmodell der englischen Baby hat Typen von Gordon Webb & Co. Ltd., und zwar die Nr. 380 (s. oben unter Gordon Webb).

Empire Aristocrat

Ein 1955 gebautes Exemplar der Empire Aristocrat hat Typen von Setag, Nr. S“6, also die Pica-Version (s. oben).

Empire (Smith-Corona)

Eine schon nach dem Besitzerwechsel auf Smith-Corona-Marchand gebautes Exemplar aus dem Jahr 1959 trägt Typen mit einem Löwenlogo, sowie den Buchstaben „FP“. Wer den Hersteller positiv identifizieren kann, bitte melden!

Die Empire als Hermes Baby Konstruktion wurde sehr bald von den neuen Besitzern Smith-Corona durch das hauseigene Modell „Skyriter“ ersetzt. Jedoch ist ein 1962 gefertigtes Exemplar ebenfalls mit Typen mit dem Löwenlogo, und diesmal der Zahl „YP“ ausgestattet. Wer weiss Näheres über diese Typen?

Empire #4Y-616625W (1962), © U. Wachtendorf 2014

Polen

F.K. Mała

Die F.K. Mała mit der Seriennummer 3011 ist mit Iris No. 107 Typen ausgestattet (eigene Sammlung).

Italien

Die italienischen Hermes Baby Varianten wurden unter den Namen Ala, Simtype Baby und Montana vertrieben. Jeweils gab es verschiedene Modelle dieser Marken.

Ala

SIMTYPE Baby

Montana

Auf einer Montana Modell 68, Seriennummer A975, finden sich S=6 Typen der Setag (s. oben).

Erstellt am 19. März 2017 – letzter Update 27. März 2017

© typewriters.ch 2017

Notes:

  1. Der Flyer selbst ist undatiert, abgebildet ist jedoch ein ab 1956 verkauftes Modell.
  2. Spécimens d’écritures HERMES, s.d.
  3. Der Büromaschinen Mechaniker, Heft 116, 10. Juni 1968.
  4. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  5. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  6. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  7. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  8. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  9. Setag S.A., [Katalog], s.d. Quelle: Peter Mitterhofer Schreibmaschinenmuseum 2017
  10. Der Büromaschinen Mechaniker, Heft 116, 10. Juni 1968.
  11. The National Archives, Gordon Webb & Co. (Imperial subsidiary), URL: http://discovery.nationalarchives.gov.uk/details/rd/9bdfe72f-eac3-4a81-b4af-188725e3d827 (abgerufen am 27. März 2017).