80 Jahre Hermes Baby!

80 Jahre Hermes Baby!

Die Hermes Baby ging 1935 in Produktion. Um das im Jahr 2015 folglich 80jährige Jubiläum dieser immerjungen Reiseschreibmaschine zu feiern, organisiere ich im Rahmen des Internationalen Sammlertreffens des Schweizerischen Sammlerclubs Historischer Büromaschinen (SHBS) vom 22. – 24. Mai 2015 in Sumiswald, Kanton Bern, Schweiz, eine Ausstellung zum Thema (für Details, s. die Webseite des SHBS). update 29. Juni 2015: Die Ausstellung hat mit grossem Erfolg stattgefunden! Dank an alle Besucher.

Es existiert bereits eine Hermes Baby Seite auf typewriters.ch. Ebenso habe ich eine detaillierte Seite über Modelle der englischen Lizenzproduktion, die unter dem Namen „Empire“ lief, erstellt.

Hier geht es mir um eine Aufstellung der Hermes Baby Modelle der Stammfirma Paillard (später HPI = Hermes Precisa International, noch später von Olivetti übernommen) vom Anfang der Produktion im Jahr 1935 bis zum Ende, ca. Mitte der 1980er Jahre.

Diese Seite ist in weitere Folge Teil eines Forschungsprojekts, das als Buch „Schweizer Schreibmaschinen“ erscheinen wird. Als solches wird sie laufend ergänzt, ist aber sicherlich unvollständig. Gerne nehme ich neue Informationen und Korrekturvorschläge auf (e-mail)

Vielen Dank an alle Sammlerfreunde und Besucher, die zum Inhalt dieser Seite beitragen!

Gedanken zur Gliederung

Die Gliederung (Kategorisierung) der Modelle und Varianten ist im Fall der Hermes Baby nicht offensichtlich, da es mindestens zwei Arten der Gliederung gibt, die jede für sich Vor- und Nachteile hat. Es ist dies einerseits eine Gliederung nach technischen Gesichtspunkten, andererseits eine nach optischen Kriterien.

Gliederung nach technischen Kriterien

Werksintern bezeichnete Paillard die Modelle mit einer Kombination aus Buchstaben und Zahlen, sowie Jahreszahlen. Dies erschliesst sich aus der firmeneigenen technischen Dokumentation. 1 Unterlagen dieser Art wurden in der Firma selbst verwendet, standen aber auch den Fachleuten wie beispielsweise Reparaturwerkstätten zur Verfügung.

Vorteile dieser technischen Einteilung ist eine übersichtliche Aufstellung der Modelle. Der Nachteil ist, dass es sich sich – wiederum vom technischen Standpunkt aus gesehen – um einen groben Raster handelt, da es innerhalb der Serienproduktion immer wieder Verbesserungen, also Änderungen am Modell gab, die in dieser Kategorisierung nicht erfasst sind. Diese Änderungen an Details sind nicht als eigenständige Modelle erfasst, und müssen, um die Abweichungen auch bezeichnen zu können, von der Forschung sozusagen „von Hand“ nachgetragen werden. Die Bezeichnungen dieser Varianten innerhalb einer technischen Kategorie sind somit nicht Teil der Originalquellen, sondern nachträglich von der Forschung benannt (wiewohl die einzelnen Änderungen grossteils in Originalquellen zu finden sind, meistens jedoch keinen Namen oder Buchstaben tragen).

Ein weiterer Nachteil, diesmal vom optischen Standpunkt, ist, dass jede der technischen Kategorien  verschieden aussehende Maschinen umfasst, und manchmal sogar die Schnittstellen von einer auf die nächste technische Kategorie der gegenüber dem Kaufpublikum beworbene Kategorisierung verschoben sind. Ich will dies mit einem Beispiel illustrieren: 1940 kam mit grossem Getöse das sogenannte Hermes Baby Jubiläumsmodell auf den Markt. Vom technischen Standpunkt aus gesehen gibt es hier aber keinen Bruch, sondern eine Kontinuität des Modells HD-1 von 1935 bis 1954.

Gliederung nach optischen Kriterien

Die Vorteile einer Gliederung nach optischen Kriterien wurde implizit schon oben erwähnt: eine solche Kategorisierung orientiert sich hauptsächlich an der Art, wie die Hermes Baby auch gegenüber dem Käuferpublikum vermarktet wurde. Sie ist auf natürliche Art intuitiver: So springt es, um das obengenannte Beispiel des Jubiläumsmodells heranzuziehen, der Unterschied zwischen dem ersten Modell ohne speziellen Spulendeckel (ab 1935) und dem Jubiläumsmodell mit den charakteristischen spitz zulaufenden und aufklappbaren Spulendeckeln (1940) ins Auge. Der Nachteil einer Gliederung nach streng optischen Kriterien ist, wie schon oben erwähnt, dass eine derartige Einteilung von der technischen Modellfolge abweicht bzw. ihr teilweise zugegenläuft.

Anzumerken ist jedoch, dass die hier beschriebenen Differenzen von technischer und optischer Gliederung weniger dramatisch sind, als es klingt. Sie sind nicht durchgehend. So fällt 1954 beispielsweise der Modellwechsel auf Modell 1954 und der Wechsel von HD-1 auf HD-2 zusammen.

Die hier angewandte Gliederung

Die hier angewandte Lösung des oben geschilderten Gliederungsproblems ist, wie kann es anders sein, ein Kompromiss. Positiv ausgedrückt könnte man sagen, eine Kombination der Vorteile aus beiden Gliederungen.

Ich setze als grössten Rahmen die technischen Modellbezeichnungen HD-1 (1935 – 1954) und HD-2 (1954 bis zum Ende der Produktion). Innerhalb dieses Rahmens orientiere ich mich aber an den optisch auffälligen Merkmalen, was auch der dem Käuferpublikum vorgestellten Modellfolge besser entspricht.  Das auffälligste Merkmal ist der Spulendeckel. Daraus ergibt sich die Nummerierung mit 1 (Spulen liegen offen, Modelle 1935 bis 1940), 2 (spitz zulaufende aufklappbare Spulendeckel, Modelle 1940 bis 1964) und 3 (Modelle ab 1964).  Diese Gliederung wird dann verfeinert durch mit Buchstaben bezeichnete Varianten (1a, 1b, 2a, 2b, etc).  Wie angemerkt ist diese Nummerierung „hausgemacht“, und somit nicht in Stein gemeisselt. Wir glauben aber, dadurch den gewünschten Genauigkeitsgrad für eine Gliederung erreicht zu haben, ohne die Übersicht zu verlieren.

P.S. hierzu: Unter Nummer 4 laufen die schon von Olivetti produzierten „Hermes Babys“. Es schien gerechtfertigt, hier aufgrund des verschiedenen Herstellernamens eine eigene Nummer zu eröffnen.

Hermes Baby 1935 (HD-1)

1a Das Urmodell

in: Neue Zürcher Zeitung, März 1935 (Detail)
in: Neue Zürcher Zeitung, März 1935 (Detail)
in: Neue Zürcher Zeitung, April 1935 (Detail)
in: Neue Zürcher Zeitung, April 1935 (Detail)

Die Urform der Hermes Baby. Sie hat noch keinen Zeilenschalthebel (zum Zeilenwechsel wird einfach der Drehknopf benützt). Ebenso fehlt eine Papierstütze. Die allerersten Modelle hatten, wie aus der oben abgebildeten zeitgenössischen Werbung ersichtlich, gelöcherte Farbbandspulen. Schon am unten gezeigten Exemplar mit der Seriennummer 71842 aus dem zweiten Produktionsjahr 1936 sind die Farbbandspulen geschlossen.

Hermes Baby #71842 (1936), © C. Cannac 20113
Hermes Baby #71842 (1936), © C. Cannac 20113

1b Verbessertes Modell 1937

Erstmals gibt es einen eigenen Zeilenschaltmechanismus – zwei Metalllaschen werden dazu zusammengezwickt. Neu ist auch die aufklappbare Papierstütze.

Hermes Baby #99626 (1937), © G. Sommeregger 2014
Hermes Baby #99626 (1937), © G. Sommeregger 2014

1c Verbessertes Modell 1938

Die augenscheinlichsten Verbesserungen ist zunächst eine Randauslösertaste (links oben auf der Tastatur), sodann ein ausklappbarer Zeilenschalthebel (anstatt des Zwickmechanismus) .

Hermes Baby #203812 (1940), © G. Sommeregger 2012
Hermes Baby #203812 (1940), © G. Sommeregger 2012

1d Hermes Baby S

Dieses Simplex – also stark vereinfachte – Modell ist bisher nur aus Frankreich bekannt.

Hermes Baby S #182793 (1939), © C. Cannac 2013
Hermes Baby S #182793 (1939), © C. Cannac 2013

2a Das Jubiläumsmodell 1940

Kennzeichen des sogenannten „Jubiläumsmodells“ sind die spitz zulaufenden Spulendeckel. Technisch gesehen ist die Maschine jedoch unverändert vom vorhergehenden Modell. 2

Hermes Baby #260855 (1942), © G. Sommeregger 2014
Hermes Baby #260855 (1942), © G. Sommeregger 2014
Hermes Baby #300878 (1943), © G. Sommeregger 2014
Hermes Baby #300878 (1943), © G. Sommeregger 2014
Hermes Baby #327591 (1944), © G. Sommeregger 2014
Hermes Baby #327591 (1944), © G. Sommeregger 2014
Hermes Baby #5031897 (1946), © G. Sommeregger 2014
Hermes Baby #5031897 (1946), © G. Sommeregger 2014

Hermes Baby Modelle 1954 – 1960 – 1964 (HD-2)

2b Hermes Baby Modell 1954

Kennzeichen des 1954 eingeführten neuen Modells sind ein grösserer Walzendurchmesser (31,5 mm statt bisher 25 mm), sowie Blocktasten statt der bisher verwendeten runden. Farblich kam das Modell 1954 zunächst in olivgrün heraus, und dann im für Hermes Maschinen charakteristischen lindengrün. 3

Hermes Baby #5466813 (1955), © C. Cannac 2013
Hermes Baby #5466813 (1955), © C. Cannac 2013
Hermes Baby #5595985 (1957), © C. Cannac 2013
Hermes Baby #5595985 (1957), © C. Cannac 2013

2c Hermes Baby Bicolor (Jubiläumsmodell 1960/61)

1960 gab es die Hermes Baby erstmals mit zweifarbigem Band. Weiter wurde die Schrittschaltung verbessert. 4

Hermes Baby #5827686 (1960/61), © G. Sommeregger 2011
Hermes Baby #5827686 (1960/61), © G. Sommeregger 2011

Hermes Baby Modell 1964

1964 erschien die Hermes Baby im neuen Kleid: sowohl der Spulendeckel und der nun verlängerte Zeilenschalthebel, als auch der Koffer sind neu designt. 5

3a Modell 1964, Variante 1

Hermes Baby #6101123 (1965), © G. Sommeregger 2011
Hermes Baby #6101123 (1965), © G. Sommeregger 2011

3b Modell 1964, Variante Hermes Baby „A Paillard Product“

Hermes Baby #9182921 (1970), © G. Sommeregger 2014
Hermes Baby #9182921 (1970), © G. Sommeregger 2014
Hermes Baby #9300953 (1972), © G. Sommeregger 2014
Hermes Baby #9300953 (1972), © G. Sommeregger 2014

3c Modell 1964, Variante Hermes Baby „A Hermes Precisa International Product“

Hermes Baby #9399887 (1976), © C. Cannac collection 2014
Japy Baby #9399887 (1976), © C. Cannac collection 2014

 

3d Modell 1964, Variante Hermes Baby „A Hermes Precisa International Product“ (neue Verkleidung)

Hermes Baby #9492705, © Sammlung B. Reich 2013
Hermes Baby #9492705, © Sammlung B. Reich 2013

Fortsetzung der Produktion durch Olivetti

4a Olivetti Lettera 82

Olivetti lettera 82 #8193057, © Collection C. Cannac 2013
Olivetti lettera 82 #8193057, © Collection C. Cannac 2013
Olivetti lettera 82 #8562235, © G. Sommeregger 2012
Olivetti lettera 82 #8562235, © G. Sommeregger 2012
Anitech MS100 #9364074, © G. Sommeregger collection 2014
Anitech MS100 #9364074, © G. Sommeregger collection 2014

4b Olivetti Tropical und Olivetti Roma

 

Olivetti Tropical #8584873, © G. Sommeregger 2014
Olivetti Tropical #8584873, © G. Sommeregger 2014

Altersbestimmung Ihrer Hermes Baby Schreibmaschine

Alt sind sie inzwischen alle, die Hermes Baby Modelle. Aber wie alt ist Ihre Hermes Baby genau? Glücklicherweise haben sich – vor allem für die älteren Varianten – Listen erhalten, auf denen die auf jeder Maschine eingestanzte Fabriknummer (auch Seriennummer genannt) jeweils einem Produktionsjahr zuordnen lässt. Es genügt also, die Seriennummer auf Ihrer Maschine abzulesen (Hinweis: diese findet sich bei den frühen Modellen unter dem Wagen, es genügt als den Wagen zur linken Seite zu ziehen, Sie sehen dann die Seriennummer rechter Hand), und mit den bestehenden Jahreslisten zu vergleichen.

Benutzen Sie hierzu die typewriter database.

Danke

Diese Seite entstand in Zusammenarbeit mit C. Cannac, J. Horstink und J. Legrand.

 

© G. Sommeregger, typewriters.ch 2014 – 2015

Seite erstellt am 1. September 2014. Letzter Update am 16. Februar 2015

Diese Seite ist die neue Version der von 2010 bis 2013 geführten Seite http://www.typewriters.ch/collection/hermes_baby.html.

Notes:

  1. Quelle: Paillard, Technische Dokumentation, s.d., via C. Cannac (im Archiv des Autors)
  2. Quelle: Paillard, Technische Dokumentation, s.d., via C. Cannac (im Archiv des Autors)
  3. Quelle: Paillard, Technische Dokumentation, s.d., via C. Cannac (im Archiv des Autors)
  4. Quelle: Paillard, Technische Dokumentation, s.d., via C. Cannac (im Archiv des Autors)
  5. Quelle: Paillard, Technische Dokumentation, s.d., via C. Cannac (im Archiv des Autors)

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